Boko Haram und Nigeria: Zwangshochzeiten im Sambisa-Wald

Nur fünfzig Meter entfernt von dem Ort, an dem vor 18 Tagen in der nigerianischen Hauptstadt Abuja zwei Bomben 75 Menschen töteten, ist am Donnerstagabend ein weiterer Sprengsatz explodiert. Bei der Detonation dieser Bombe sind offiziellen Angaben zufolge mindestens 19 Menschen ums Leben gekommen und mehr als 60 weitere Personen verletzt worden. Sie war in einem Auto deponiert und wurde in der Nähe einer Straßensperre der Polizei gezündet. Neben dem Täterfahrzeug gingen sechs weitere Autos in Flammen auf. Für die Explosionen am 14. April hatte sich die islamistische Sekte Boko Haram verantwortlich erklärt.

Für Nigerias Regierung ist der erneute Anschlag besonders peinlich, da sie bereits nach dem ersten Terrorangriff eine Verschärfung ihrer Sicherheitsmaßnahmen angekündigt hatte. In Abuja wird am kommenden Mittwoch das dreitägige afrikanische Weltwirtschaftsforum beginnen. Die Sicherheitskräfte hatten den Einsatz von weiteren 6000 Polizisten und Soldaten zum Schutz des Gipfels angekündigt.

„Wir sind in eurer Stadt“

Boko-Haram-Chef Abubakar Shekau hatte in einer Videobotschaft nach dem ersten Anschlag weitere Attacken in Abuja angekündigt. „Wir sind in eurer Stadt, aber ihr wisst nicht, wo wir sind“, sagte der Sektenführer damals. Es ist das fünfte Mal in drei Jahren, dass Abuja zum Ziel von Terror geworden ist.

Noch immer steht die nordnigerianische Bevölkerung unter dem Schock der Entführung mehrerer hundert Schülerinnen, die ebenfalls am 14. April während einer Abiturprüfung in dem Städtchen Chibok von einer Gruppe Bewaffneter als Geiseln genommen wurden. Obwohl sich Boko Haram für diese Tat bislang nicht verantwortlich erklärte, wird die Sekte der Tat verdächtigt. „Boko Haram“ bedeutet: „Westliche Erziehung ist Sünde.“

Mehrere hundert Menschen demonstrierten am Donnerstag in Abuja gegen die Informationspolitik der Regierung im Zusammenhang mit der Entführung. Seit mehr als zwei Wochen habe die Regierung keine Informationen über die Bemühungen bekannt gegeben, den Entführern auf die Spur zu kommen. Während die Armee zunächst von rund hundert entführten Mädchen sprach, stellt sich nun heraus, dass es tatsächlich mehr als 300 waren. 53 soll die Flucht gelungen sein. Die Mädchen wurden von den Extremisten offenbar in eine unzugängliche Waldregion an der Grenze zu Kamerun verschleppt. Dort sollen inzwischen zwei der Mädchen an Schlangenbissen gestorben sein.

Informationen der Nichtregierungsorganisation Borno Yobe People’s Forum zufolge werden die Schülerinnen derzeit Kämpfern der Sekte für knapp zehn Euro zur Heirat angeboten. Im Sambisa-Wald fänden erzwungene Massenhochzeiten statt, berichtet eine Sprecherin des Forums. Viele der Mädchen würden auch nach Kamerun und in den Niger verschleppt.