POTSDAM. Der 14. April 1945 war ein sonniger, warmer Frühlingstag - ein Sonnabend. Viele der in der Stadt verbliebenen Potsdamer bereiteten sich auf einen arbeitsfreien Sonntag vor. Die Menschen waren in Sorge, denn die Rote Armee stand an der Oder und bereitete den Sturm auf Berlin vor. "Die sind sich hier immer noch nicht sicher, ob Potsdam offene Stadt oder Festung ist", schrieb Hildegard Ribbe, die in einem Fotogeschäft in der Altstadt arbeitete, an diesem Nachmittag an ihren Mann an der Front. Von alliierten Bombenangriffen war die alte preußische Garnisonsstadt weitgehend verschont geblieben, die Bomber waren bisher meist über Potsdam hinweggeflogen, um Berlin anzugreifen.Gegen 18 Uhr stiegen an diesem Sonnabend nördlich von London insgesamt 724 Flugzeuge der Royal Air Force auf, die Mehrzahl davon Lancaster-Bomber. Um 22.15 Uhr tönten in Potsdam die Sirenen. Der britische Bomberstrom, etwa 50 Kilometer lang, kam brummend heran. Viele Menschen flüchteten in die Keller, doch manche glaubten, die Flugzeuge würden wie so oft weiterziehen gen Berlin. Diesmal aber blieben die Flugzeuge über der Stadt, kreisten zunächst. Der australische Oberstleutnant Hugh Le Good gab im "Master Bomber" um 22.39 Uhr über dem wolkenlosen Himmel von Potsdam den Befehl zum Bombenabwurf - die Instrumente des deutschen Wetterdienstes auf dem Potsdamer Telegrafenberg haben in dieser Stunde heftigste Ausschläge der Nachwelt überliefert, wie der Potsdamer Hans-Werner Mihan in seinem Buch "Die Nacht von Potsdam" nachweisen konnte. Zunächst gingen 836 Beleuchtungsbomben auf die Stadt nieder. Sofort brannten Gebäude. Die barocke Residenzstadt war taghell erleuchtet. Dann folgten Sprengbomben. Insgesamt 1 752 Tonnen Bomben fielen in nur 30 Minuten aus den Schächten der Lancaster-Maschinen.Munitionszüge explodierenDie meisten Bomben trafen den Hauptbahnhof, die Gleisanlagen, die Freundschaftsinsel sowie das Stadtschloss und die angrenzenden Wohnhäuser der Altstadt. Im Bahnhof explodierten zwei voll beladene Munitionszüge, verwüsteten auch einen Lazarettzug fast vollständig. Viele Verwundete starben. Auch das nahe Stadtschloss mit seinen prachtvollen Zimmern und Sälen aus dem friderizianischen Rokoko brannte aus. Ebenso Turm und Kirchenschiff der Garnisonskirche, das Geläut fiel krachend auf das Straßenpflaster. Im städtischen Krankenhaus östlich des Bassinplatzes schlugen Bomben ein - 70 Patienten und vier Krankenschwestern starben. Viele Menschen erstickten in ihren Kellern. 28 Zwangsarbeiter aus Polen und Frankreich kamen um, als die Arado-Flugzeugwerke in Babelsberg getroffen wurden. Insgesamt starben in dieser Nacht 1 593 Menschen in Potsdam, darunter viele Flüchtlinge aus dem Osten.Warum aber wurde dieser Angriff auf eine unzerstörte Stadt - zumal auf Potsdam, die alte Residenzstadt der Hohenzollern - so kurz vor Kriegsende noch angeordnet? Der Historiker Jörg Friedrich formuliert es in seinem umstrittenen Buch "Der Brand" auf gewohnt drastische Art: "Potsdam wurde zerstört, um den preußischen Militarismus geschichtlich zu annullieren." Mit anderen Worten: Die Briten hätten eine Verbindung der Hohenzollern-Herrscher bis zu Hitler gesehen und deshalb die Zerstörung Potsdams noch in den letzten Kriegstagen gewollt. Eine symbolhafte Zerstörung also.Mihan, der sich wohl am eingehendsten mit jener Bombennacht befasst hat, widerspricht dieser Darstellung: "Der Schwerpunkt der Bombardierung lag ganz klar auf dem Hauptbahnhof", sagt Mihan, der den Luftangriff als verwundeter Flak-Soldat in Potsdam erlebt hat. "Und die Schneise der Bomben verlief über die Freundschaftsinsel, Hauptbahnhof bis zu den Arado-Flugzeugwerken in Babelsberg." Nach Mihans Darstellung sollten die britischen Bomber insbesondere den Verkehrsknoten Potsdam lahm legen. Denn vom Hauptbahnhof aus wurden Soldaten und Flak-Helfer an die Oderfront zum Kampf gegen die Rote Armee geworfen. "Die historische Altstadt und die Garnisonkirche waren so gesehen ein Kollateralschaden", sagt Mihan. Die Zerstörung des Stadtschlosses aber sei wohl einkalkuliert gewesen.Auch Kurt Ahrlt vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam stützt Mihans These: "Hätte man den vermeintlichen preußischen Ungeist treffen wollen, dann hätten die Briten den Angriff anders geplant." Noch nicht einmal die Kasernen in der Stadt seien zerstört worden.Das britische Bomber Command traf am 12. April 1945 die Entscheidung, Potsdam zu bombardieren, belegt Mihan anhand von Dokumenten. Die Stadt stand zu diesem Zeitpunkt an achter Stelle der zu bombardierenden Städte in dem Teil Deutschlands, den noch die Nationalsozialisten beherrschten. Der Angriffsbefehl lautete: "Schienenanlagen sowie Militär- und Nazikasernen zerstören." Der Codename für Potsdam war Crayfish - Flusskrebs. Während der Besprechung hat jemand auf eine Luftbildaufnahme von Potsdam mit einem Stift vier Markierungen gemalt - verbindet man diese Punkte miteinander, trifft man in der Mitte auf den Potsdamer Hauptbahnhof. Es handelt sich also genau um die Fläche, die die meisten Treffer abbekommen hat. "Leider wissen wir nicht, wer die Eintragungen vorgenommen hat", sagt Mihan.In der Bombennacht warfen die Briten auch Flugblätter ab, die besagten, dass der Angriff dem Hauptquartier des Oberkommandos der Luftwaffe in Geltow gegolten habe. Der Ort, an dem sich heute das Einsatzführungskommando der Bundeswehr befindet, wurde aber ebenso wenig getroffen wie Schloss Sanssouci oder andere Kulturdenkmäler im Potsdamer Norden.Britische Bomberpiloten erinnerten sich, ihnen sei gesagt worden, Stalin habe um die Bombardierung Potsdams gebeten. Zwei Besatzungsmitglieder sprachen von ihrer Befürchtung, dass die Deutschen im Endkampf noch eine Atombombe einsetzen würden. Deshalb habe man möglichst viel zerstören wollen. Aus heutiger Sicht fällt es allzu leicht, dies als Schutzbehauptung abzutun.Die Bombardierung Potsdams geriet nach Kriegsende in die Auseinandersetzungen des Kalten Krieges. Schon 1950 hing ein Transparent an der Stadtschlossruine: "Zerstört durch USA-Bomber", hieß es dort, obwohl allein britische Bomber den Angriff geflogen haben. Später sprach die DDR-Führung von über 3 500 Toten durch "den anglo-amerikanischen Luftangriff". Die Toten und die weitreichenden Zerstörungen durch sowjetischen Artilleriebeschuss Ende April 1945 lastete man also gleichfalls Briten und Amerikanern an.------------------------------Foto: Britische Aufklärer machten diese Aufnahme von der zerstörten Potsdamer Innenstadt zwei Tage nach dem Bombenangriff. An den Bombentrichtern ist das Zentrum des Angriffes zu erkennen - Hauptbahnhof und Havelinsel.------------------------------Foto: 1945: Stadtschloss mit Fortunaportal und Nikolaikirche nach britischer Bombardierung und Beschuss durch die Rote Armee.------------------------------Foto: 2005: Brache des Stadtschlosses. Wieder aufgebautes Fortunaportal mit Nikolaikirche.