Innerhalb einer Woche wurde zweimal "Warten auf Godot" an Schweizer Theatern inszeniert. In einer wunderbaren Aufführung am Théâtre Vidy in Lausanne zeigt Luc Bondy, wie man ein strapaziertes Stück sanft und doch gezielt, in voller künstlerischer Freiheit und doch in tiefem Respekt reanimieren kann. Allein schon Gilles Aillauds Bühnenbild lohnt die Fahrt an den Genfer See (beziehungsweise nach Weimar oder Wien, wo die französischsprachige Koproduktion später zu sehen sein wird). Es zeigt nicht irgendein deprimierendes Nirgendwo, sondern eine Paßstraße, die erst kürzlich fertiggestellt worden ist; Pickel und Schaufel liegen noch am linken Bildrand. Und diese Straße führt durch eine Moränenlandschaft, an der jeder Erdgeschichtler seine Freude hätte: Gestein, Gletscher, Gestrüpp sind hier im Zuge von jahrhundertelanger Kleinarbeit unzertrennlich geworden. Trotzdem ist das alles andere als Wüste. Selten dürfte in einer Godot-Aufführung der Baum derart gepflegt in der Gegend herumgestanden haben. Es wurden ihm, wie es sich in der kalten Jahreszeit gehört, sogar fürsorglich die Äste gestutzt. Niemand wird sich somit wundern, wenn dieser legendäre Theaterbaum Anfang des zweiten Aktes Knospen und Blätter treibt. Unverständlich wären höchstens Estragons und Wladimirs Bedenken, dieses gesunde Holz könnte ihren Selbstmordgelüsten nicht standhalten läge darin nicht der Clou von Bondys Regiekonzept: Nein, die beiden Herren wollen sich beileibe nicht aufhängen! Wenn sie immer wieder davon reden, so handelt es sich dabei nur um eine etwas drastische Variation ihres wichtigsten Themas: Freundschaft, Zusammensein, Zusammengehören, auch wenn man sich furchtbar auf die Nerven geht, auch wenn beide den ersten Schritt zur Selbstverwirklichung theoretisch stets in der Trennung vermuten. Wie das bei guten, alten Paaren so ist. Luc Bondy läßt die betörenden Schauspieler Roger Jendly (Estragon) und Serge Merlin (Wladimir) Wort für Wort Becketts Geschichte einer alten Liebe erzählen, die ein wenig an den berühmten Film "The Old Couple" mit Jack Lemmon und Walter Matthau erinnert. Immer wieder wird die tiefe Zuneigung zwischen den Protagonisten zwar durch Eitelkeiten, kleine Bosheiten, Lebens-, Todes- bzw. Trennungsängste überdeckt. Aber im Grunde sind dieser Estragon und dieser Wladimir unvorstellbar zufrieden auf ihrer Straße. Sie amüsieren, ärgern, trösten sich, versuchen einander auch nach all den gemeinsamen Jahren noch zu überraschen. Und wenn ihnen doch etwas langweilig wird, ist sogar das eine Form von Glück. Godot, Gott oder wer auch immer, kann warten. Das heißt nun aber nicht, daß man nicht für echte Abwechslung zu haben wäre. Nur zu willig läßt man sich auf die skurrile Welt des vorüberziehenden Herrn Pozzo (François Chattot) und seines auf Abruf philosophierenden Sklaven Lukky (Gérard Desarthe) ein. Die Kostümbildnerin Marianne Glittenberg hat aus ersterem einen leicht schmierigen Zirkusdirektor, aus letzterem einen todessüchtigen Dandy gemacht; die ganze Szene könnte, in ihrer grell ironisierten Brutalität, aus Kubricks "Clockwork Orange" stammen, ein Alptraum, der so jäh endet, wie er begonnen hat. Übrig bleiben Estragon und Wladimir, die sich noch immer auf die Nerven gehen und doch voneinander keinesfalls lassen wollen. In zahllosen Godot-Aufführungen wurde dieses symbiotische Am-Ort-Treten als Ausdruck existentieller Ausweglosigkeit dargestellt. Bei Bondy ist es ein versöhnliches Überlebensprinzip.Als Kontrast dazu die Godot-Version am Schauspielhaus Zürich, die in dem phantasieloses Bühnenbild von Achim Römer zu einem Flohmarkt gerät. Der Regisseur Wolf-Dietrich Sprenger mag keiner der herkömmlichen Godot-Interpretationen folgen und kann keine eigene anbieten. Den Wladimir spielt Felix von Manteuffel, ein guter Ibsen- oder Strindberg-Schauspieler, der sich mit dem wundersamen Komiker vom Schlage Nikolaus Parylas als Estragon einfach nicht verträgt.