Bonn: Antiquierte Exotik und aktuelle Politik in zwei grundverschiedenen Historien-Opern: Großer Häuptling Domingo und Tenor Gorbi

Zwei politische Opern kamen in diesen Tagen nach Bonn -- extrem unterschiedlich in jeder Hinsicht. Die erste, "Ii Guarany", ein Prachtschinken aus der Hoch-Zeit der romantisierenden Historien-Oper und des Exotismus, wurde 1870 in Mailand uraufgeführt, machte Ant~nio Carios Garmes aus Brasilien international bekannt. Der Text geht auf einen Abenteuer-Roman des Juristen Jost Martiniano de Alencar zurück, der als Begründer einer eigenständigen brasilianischen Literatur gilt.Jagdfreuden, Liebeswlrren Es geht um Geschichten aus der Mitte des 16. Jahrhunderts am Rand der schier undurchdrlnglichen Weiten südlich des Amazonas. Die Opern-Story präsentiert Jagdfreuden und Liebeswirren, Giücksritter auf der Suche nach verlassenen Silberminen, Entführungen, Verschwörung und Verrat; sie wartet mit der für Recht und Ordnung sich engagierenden Mission des guten Indianerhäuptlings Pery auf -- und mit den bösen Machenschaften der menschenfressenden Aimor" sowie dem Massaker an ihnen.Werner Herzog, der -- siehe "Fltzcarraido" -- eine Ader für dergleichen hat, erzählte die Sache mit aller erdenklichen Naivität: Seine Inszenierung etabliert In der Plastik-Urwaldkulisse nicht ganz gelungene Erinnerungsbilder, die alten Fotos nachgestellt scheinen. Mit den Bewegungsverläufen steht die Regie-Arbeit auf Kriegsfuß, vor allem mit der Darstellung von Überraschungsmomenten, Kämpfen und Infernos.Die Bonner Kartenpreise -- bis zu 340 Mark -- werden vor allem bezahlt, weil Placido Domlngo zu hören und zu sehen ist. Der Startenor tritt als "König des Waldes" herein -- mit Federschmuck, Kriegsbemalung und in Ledermontur, als wäre er dem Karl-May-Museum in Radebeul entstiegen. Die Partie des großen Häuptiings kommt überzeugend aus seiner goidenen Kehle. Doch die szenische Realisierung der deutschen Erstaufführung von "II Guarany" ist Insgesamt gescheitert -- am exotistischen Handlungskern und am Aufeinanderprailen der Kulturen.Das zweite musikdramatische Werk, in der Bundeskunsthalie uraufgeführt, führt einen großen Gescheiterten der Weltgeschichte mit Witz und Sarkasmus vor -- als Opern-Tenor. In der Hauptsache stützt sich die Musik von Franz 1-himmels Kammeroper "Gorbatschow" auf das einsame Klavier, das da in der Mitte der wohl bewußt sparsam gehaltenen Szene steht.Die Korrepetitorin Irina Rümina hat bereits am Fiügel auf halber Treppe Platz genommen. Regisseur Adolf Dresen schreitet mit dem Tenor Walter Raffeiner durch den Mitteigang des Auditoriums zu den aus den Winkeln und Fugen gegangenen Stufen. Auf denen wird der große Wende-Prozeß angedeutet, diskutiert und Ins Groteske gezogen. Die beiden gehen vorbei am Ftednerpuit, von dem aus zu den Deputierten doziert wird; vorbei am noch liegenden großen roten Kreuz mit den zwei Querbalken, dem waagerechten und dem schrägen, das der Protagonist kurz vor Schluß auf sich nehmen wird.Das Kammerspiel präsentiert Fragmente einer Politbüro-Sitzung bei abwesenden Kandidaten und Volimitgliedern. Es demonstriert die Fassade vom Staatsbesuch -- einen Politiker "zum Anfassen", wie ihn die Medien lieben, und das Verhängnis von Machtmechanismen. Die "Abrechnung vor dem Parlament" üben die Protagonisten mit vertauschten Rollen -- Raffeiner mutiert zu Jelzin, und Dresen erstarrt als Gorbatschow. Als Finale ein Gedankensplltter zur letzten Begegnung mit Honecker, dieser "Parodle auf den Tod".Nur eine PetitesseFranz Hummels Muslk-Partikel zu diesen Szenen-Splittern bedienen sich einer Mlsch-Technik, die Gesten von Rachmaninow und Eisler parat hält, Orchesterlnferno vom Band, modernes Streichquartett -- und überhaupt eine ganze Menge Gegensätzliches aus dem Lagerbestand der Musik des 20. Jahrhunderts. Die kurzen gesungenen Passagen überfordern die von Hans. Günther · Heyme unterkühlt servierte Szenenfolge nicht. Doch der Geniestreich eines eiektrislerenden neuen politischen Musiktheaters Ist nicht gelungen: Dle Anstrengung förderte eine Petitesse zu Tage.