BERLIN, 6. April. Am Anfang zwickte der Bauch, nun schmerzt bisweilen das Ohr. "Jetzt wird man nur noch beschimpft", sagt Wolfgang Wiedlich genüsslich, als sei das Gezeter der Zuspätgekommenen Musik in seinen Ohren. Als der Präsident der Baskets Bonn die Idee entwickelte, von der notorisch engen Hardtberghalle in die benachbarte Kölnarena umzuziehen, vermochte niemand das Faninteresse abzuschätzen. Schließlich treffen am Freitag Bonn und Meister Alba Berlin nur in einem normalen Spiel zum Abschluss der Bundesliga-Hauptrunde aufeinander.Masse zieht MasseDie Nachfrage ist dennoch überwältigend. Nach fünf Tagen war der alte Zuschauerrekord, gehalten von Alba mit 8 500 zur Eröffnung der Max-Schmeling-Halle, gebrochen, seit Mittwoch ist das letzte der 18 605 Tickets weg. "Wir hätten noch 5 000 mehr verkaufen können", sagt Wiedlich, "zum Schluss funktioniert alles physikalisch: Masse zieht Masse." Zum Glück, denn bei den Eintrittspreisen hatten sich die Bonner verkalkuliert. Um niemanden abzuschrecken, setzten sie die Tickets so billig ab, dass die hohen Organisationskosten bei halb voller Halle schwerlich zu decken gewesen wären.Das Experiment gelang und hilft nun allen Beteiligten. Der zum maroden Holzmann-Konzern gehörende Hallenbetreiber freut sich, das monströse Bauwerk mit Leben zu füllen. Der Liga gilt das überbordende Interesse an der Nischensportart Basketball als willkommenes Argument bei den Verhandlungen um TV- und Sponsorenverträge. Und der Meisterschaftszweite unterstreicht nachdrücklich seinen Bedarf, planen die Bonner Stadtväter doch seit längerem den Bau einer neuen Arena, ohne über die Diskussion um das Für und Wider hinausgekommen zu sein.Neben dem politischen besitzt die Aktion auch einen psychologischen Aspekt, falls sich die Wege von Bonn und Berlin in der Play-off-Runde wieder kreuzen. Im vergangenen Jahr hatten die Rheinländer den Meister an den Rand des Titelverlustes gebracht, mit über 10 000 Fans im Rücken könnte eine Serie diesmal vielleicht anders ausgehen. Obwohl Wiedlich nicht viel Zuversicht ausstrahlt: "Die sportliche Situation ist zurzeit nicht so, dass ich mich traue, das zu denken." Ein Erfolg am Freitag allerdings dürfte den Bonnern Auftrieb verleihen und würde ihnen im günstigsten Fall den zweiten Tabellenplatz bescheren. Berlin steht bereits als Spitzenreiter fest, sollte nach der Niederlage im Pokal-Final-Four gegen Frankfurt aber dennoch hoch motiviert sein. Wiedlich jedenfalls hat bei seiner Mannschaft die heilende Wirkung großer Events festgestellt: "Plötzlich sind alle wieder gesund. Da könnte man auch ein Freundschaftsspiel veranstalten, die wären auf jeden Fall motiviert."Neue Triebe73 Prozent der Zuschauer werden aus Bonn anreisen, 24 Prozent aus Köln, der Rest aus dem gesamten Bundesgebiet. "Bonn küsst Köln wach", titeln lokale Medien bereits, die seit Jahren vergeblich auf eine Wiedergeburt des heimischen Spitzenbasketballs warten. Zwischen 1981 und 1988 holte der BSC Saturn Köln vier nationale Titel, dann zog sich der Hauptsponsor zurück und der Klub ging Pleite. "Damals wurden eine Menge Wurzeln zerstört", sagt Flügelmann Stephan Baeck, mit Saturn zweimal deutscher Meister, heute bei Alba angestellt. Bei seiner Rückkehr nach Köln zwölf Jahre später sind zumindest ein paar neue Triebe erkennbar.REKORD Bestmarke verdoppelt // Am 22. September 1996 sahen 9 000 die Partie zwischen Alba Berlin und Steiner Bayreuth in der neuen Max-Schmeling-Halle - Bundesligarekord.10 000 Fans kamen zum Korac-Cup-Finale am 15. März 1995 zwischen Alba und Mailand in die Deutschlandhalle.18 605 in der Kölnarena bedeuten neuen Rekord für Europas Basketball.Alles zum Spiel in der Kölnarena im Internet unter: www. Telekom-baskets-bonn. de/ fr_news. htm