Verarmt und weitgehend vergessen starb heute vor 50 Jahren der Maschinenbauingenieur Hans Grade in Borkheide (Potsdam-Mittelmark). Er war der erste deutsche Motorflieger, baute den ersten deutschen Kleinwagen und flog als erster Pilot in einem Spielfilm.In den Grade-Motoren-Werken in Magdeburg entstand der erste Dreidecker von acht Meter Spannweite. Mit ihm gelang Hans Grade am 28. Oktober 1908 auf dem Crakauer Anger der erste deutsche Motorflug-Hopser von acht Meter Länge. Seit Sommer 1909 lebte Grade, der am 17. Mai 1879 in Köslin (Pommern) geboren wurde, in Bork, heute Borkheide. Die Grade-Motoren-Werke hatte der Flugpionier 1904 - nach dem Studium an der Technischen Hochschule Charlottenburg - eröffnet.Ende Oktober 1908 gewann er auf dem Flughafen Johannisthal bei Berlin den "Lanz-Preis der Lüfte". Dieser Preis war von dem Mannheimer Landmaschinenfabrikanten Karl Lanz ("Lanz-Bulldog") gestiftet worden. Um ihn zu erhalten, mußte erstmals ein Deutscher ein leistungsfähiges Flugzeug aus Teilen, die alle deutschen Ursprungs waren, bauen und erfolgreich fliegen. Das Lanz-Preisgeld von 40 000 Goldmark und die Erträge deutscher und internationaler Schauflüge, die Hans Grade bis nach Ägypten führten, ermöglichten dann den Bau einer Flugzeugfabrik in Bork. Dort konstruierte und produzierte der rastlose Tüftler bis zum Ersten Weltkrieg mehr als 80 Flugzeuge in 13 verschiedenen Ausführungen: Ein-und Zweisitzer, Kunst- und Wasserflugzeuge und schon ein Ultraleichtflugzeug. Zum Werk gehörte ab Frühjahr 1910 die erste deutsche Pilotenschule. Nicht entmutigtNach Bork in der Mark Brandenburg pilgerte man damals aus ganz Deutschland und dem Ausland. 1910 war Grade der erste Pilot, der in einem Spielfilm flog. Mit Tilla Durieux in der Hauptrolle und mit Grade am Himmel wurde im Sommer 1910 in Bork der Streifen "Flug zur Sonne" gedreht. Der Erste Weltkrieg und das Versailler Friedensdiktat brachten auch die Borker zivile Flugzeugproduktion zum Erliegen. Ab Sommer 1919 wurde Deutschland die Ausübung des Motorflugsports untersagt. Diese Entwicklung traf Grade zwar hart, entmutigte ihn aber nicht. Er baute nun den ersten deutschen Kleinwagen für jedermann, die berühmte, zweisitzige "Grade-Zigarre". Allerdings geriet das Werk mit Inflation und Weltwirtschaftskrise bald in Turbulenzen. Grade mußte 1924 die Produktion einschränken und 1931 ganz einstellen. Bis zum Ende seines Lebens schlug er sich dann mit einem Maschinenbauingenieurbüro mehr schlecht als recht durch. Gemeinsame EhrungHeute, an seinem 50. Todestag, ehren das Land Brandenburg, der Grade-Verein von Borkheide sowie die im Flughafen Berlin-Schönefeld ansässige "Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten der deutschen Luftfahrt" gemeinsam Hans Grade. An seinem Grab auf dem Borkheider Friedhof werden Kränze niedergelegt. In Grades ehemaligen Wohnhaus wird eine Sonderausstellung zu Leben, Werk und Nachwirkung gezeigt. Ein Grade-Symposium unter Schirmherrschaft von Brandenburgs Wissenschaftsminister Steffen Reiche (SPD) schließt sich an. Das Wohnhaus gehört heute einer Nichte Grades, der Berliner Volksschauspielerin Brigitte Grothum. Seit 1980 erinnert auf dem "Grade Platz" zudem ein Denkmal der Potsdamer Bildhauerin Petra Paschke an den märkisch-deutschen Motorflugpionier. Im Herbst 1989 landete eine Interflugbesatzung eine ausgemusterte IL 18 in Borkheide. Sie dient inzwischen von März bis Oktober als Grade-Museum. Ein Grade-Gedenkzimmer gibt es auch im Hotel "Fliegerheim" von Borkheide - dort, wo der Flugpionier früher seine Pilotenschüler einquartierte. Auf der Speisekarte des Hauses steht das "Fliegerbier", ein einst von Grade bevorzugtes Mixgetränk aus Bier und Apfelsaft.Klaus Bruske Das Grade-Symposium ist öffentlich und beginnt um 14 Uhr. Die Sonderausstellung ist nur heute zwischen 12 und 18 Uhr zu sehen. Das IL-18-Museum hat noch bis 31. Oktober mittwochs und sonnabends von 14 bis 17 Uhr sowie sonntags von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Täglich 11.30 Uhr bis 24 Uhr ist das Grade-Gedenkzimmer im "Fliegerheim"-Hotel zugänglich. Weitere Auskünfte: Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten der deutschen Luftfahrt, Karl-Dieter Seifert: 030/60 91 33 46 bzw. 030/2 41 31 46. +++