Heute um 9.30 Uhr startet am Berliner Hauptbahnhof eine bunte Fahrraddemonstration: "Cycling for Libraries - Traditionen im Wandel - Bibliothekare in Bewegung". Seit einer Woche radelt die Gruppe von Bibliothekaren aus den nordischen Ländern, den USA, Frankreich und Großbritannien durch Mecklenburg-Vorpommern zum 100. Deutschen Bibliothekartag, der heute in Berlin beginnt. Ihr Ziel: Deutsche Kleinstadtpolitiker sollten überzeugt werden, neben dem neuen Bürgersteig auch die Bibliothek zu finanzieren - als Ort der Bildung und des Zusammenkommens.Mitgeradelt ist Ella Mustonen, Mitarbeiterin der zunehmend legendären Stadtbibliothek im westfinnischen Turku. 177000 Einwohner hat die derzeitige Kulturhauptstadt Europas, inklusive Vororte 290000. Die Bibliothek aber verzeichnet 2,2Millionen Besuche sowie drei Millionen Ausleihen im Jahr - mehr als zehn Bücher pro Einwohner. Deutsche Bibliotheken schätzen sich hingegen glücklich, wenn sie auf drei Besuche von jedem Einwohner im Jahr kommen. Sie haben auch weniger Geld: In Turku werden pro Einwohner der Region 4,80Euro für Erwerbungen ausgegeben, selbst die Berliner Zentral- und Landesbibliothek kann im Schnitt nur über 66 Cent verfügen.Aus den Augen der Mittvierzigerin blitzt der Schalk, frisch und sonnengebräunt ist das Gesicht, die Hände bewegen sich blitzschnell beim Sprechen. Sie kommt aus dem ostfinnischen Kuopio, dessen Marktfrauen berühmt sind für ihr fast sizilianisches Temperament. Ella Mustonens Großvater war Organist in der damals winzigen Landgemeinde Pihtipudas. Sie hingegen ist Großstädterin, ihre zwei Kinder studieren, der Ex-Mann ist Professor in Australien, Onkel und Tante bekannte Pianisten. Eine typische Bildungs- und Urbanisierungsgeschichte im vor zwei Generationen noch so ländlichen Finnland. Möglich wurde sie auch wegen des vorbildlichen Bibliothekssystems. In Finnland weiß man schon lange, dass volkswirtschaftlicher Erfolg und gute Bildungschancen miteinander zusammenhängen - und man ist bereit, dafür zu zahlen.Vor einigen Monaten fragten Mustamos Kollege Mace Ojala, der selbst beim Radfahren sein Mini-Notebook immer zur Hand hat, und Jukka Pennannen von der Nationalbibliothek in Helsinki, ob sie mitmachen wolle bei der Fahrraddemonstration. Sie war begeistert, hat die rote Jacke der Organisatoren getragen. Und berichtet nun auch in Berlin von der belebtesten öffentlichen Bibliothek Finnlands. Bücher, CDs, DVDs und Computer, Konzerte und Lesungen, Fortbildungskurse und Kunstaktionen. Das ist inzwischen Standard. Besonders aber ist die Lage: "Genau zwischen Marktplatz und Domkirche - da, in der Mitte der Stadt, da muss eine Bibliothek sein.", schwärmt Mustamo. Sie erzählt, wie der einstige Bücherspeicher wenige Monate nach der Eröffnung des Neubaus vor vier Jahren zum Treffpunkt für alle wurde. Und wie mancher, der immer Angst vor der hohen Kultur hatte, nun einfach in "seine" Bibliothek geht, um zu lesen.Feuilleton Seite 24------------------------------Foto: Ella Mustonen von der äußerst erfolgreichen Bibliothek in Turku

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