Rom war immer schon ein Sehnsuchtsort. Goethe konnte sein Glück nicht fassen, als er endlich dort war. Und Wilhelm von Humboldt war hingerissen, als er sein Wunschziel erreichte. Annette Schavan wird letzterem nun nicht nur nach Rom, sondern auch auf denselben Posten folgen. Sie wird – wie Humboldt 1802 – Botschafterin beim Heiligen Stuhl, vorausgesetzt, das Bundeskabinett stimmt zu.

Der zurückgetretenen Bundesministerin für Bildung und Forschung dürfte es ähnlich gehen wie weiland Goethe. Der Vorwurf, sie habe in ihrer Doktorarbeit getäuscht, hat sie beschämt. Ihr Rücktritt vom Amt der Bildungsministerin geschah freiwillig und war doch erzwungen durch die Plagiatsaffäre. Das unwirtlich gewordene Berlin lässt Annette Schavan vermutlich ebenso gern hinter sich wie einst Goethe seine lästigen Pflichten im Weimarer Consilium.

Schavans Bundestagsbüro jedenfalls bestätigte am Montag, die gebürtige Rheinländerin habe „der Bundesregierung zugesagt, die Aufgabe einer Botschafterin beim Heiligen Stuhl zu übernehmen“. Noch wolle sie sich dazu allerdings nicht äußern. Vermutlich wäre das auch nicht ratsam, denn ihre Ernennung zur Botschafterin im Vatikan wird noch einige Hürden nehmen müssen. Die juristische Auseinandersetzung um ihren Doktortitel gehört nicht dazu. Eine Entscheidung des Verwaltungsgerichts Düsseldorf in der Sache steht noch aus. Sie wird für den 20. März erwartet. Bis dahin führt Schavan, die gegen die Aberkennung geklagt hat, ihren Doktortitel weiter.

Immerhin Katholikin

Immerhin aber bringt Schavan, anders als ihr Vorgänger Wilhelm von Humboldt, eine etwas größere Nähe zu ihrem Einsatzort mit. Die 58-Jährige ist Katholikin. Nach ihrem Studium der Erziehungswissenschaften, Philosophie und Katholischen Theologie arbeitete sie als Referentin bei der bischöflichen Studienförderung Cusanuswerk, war im Aachener Generalvikariat Abteilungsleiterin für außerschulische Bildung und schließlich Geschäftsführerin des Cusanuswerks von 1991 bis 1995. Bis zu ihrer Wahl in den Bundestag 2005 stand sie außerdem als Vizepräsidentin dem Zentralkomitee der Deutschen Katholiken vor und lehrte im Wintersemester 2009/10 als Honorarprofessorin katholische Theologie an der Freien Universität Berlin. Eine Laufbahn, die die Christdemokratin zwar nicht als gelernte Diplomatin ausweist, aber doch als hinreichend vorbereitet auf ihr künftiges Amt.

Sie als Botschafterin in den Vatikan zu entsenden, war nach Aussage von Regierungssprecher Steffen Seibert bereits in den Koalitionsverhandlungen zwischen Union und SPD vereinbart worden. Schavan sei „eine profilierte Katholikin“, deren Stimme in Diskussionen um Kirche und Glauben oft zu vernehmen gewesen sei, so Seibert.

Als Botschafterin wird sie den politischen Kontakt zum Heiligen Stuhl halten, der Austausch mit dem Papst und den Kardinälen würde Teil ihres Aufgabengebiets. Das wird für die treue Kirchgängerin eine Herausforderung. Die Begegnungen mit Papst Franziskus dürften deutlich offener verlaufen als mit seinen Vorgängern.