BERLIN. Der erste Weg führt ins Trainerzimmer, dorthin, wo Horst Gülle sitzt. Ein Mann mit welligem grauen Haar, 74 Jahre alt, und so was wie der Vater der Kompanie. Hier, in dem kleinen Raum in Hellersdorf, schlägt das Herz des Boxrings Eintracht Berlin. Vielleicht ist es auch einfach Horst Gülle, der Cheftrainer, Cheforganisator, Chefpädagoge, der diesen Raum besonders macht. Die Möblierung ist jedenfalls unspektakulär: ein kleiner Tisch, eine Eckbank, an den Wänden hängen bunte Wimpel, im Eck steht ein Kühlschrank, daneben die Waage und ganz oben, an der Stellwand hinter der Tür, hat Horst Gülle Stoppuhr und Gong platziert - den Gong, der metallisch tönt, wenn die Zeit im Ring zu Ende ist.Für das Projekt "Boxen statt Gewalt" wurde die erste Runde Mitte der 90er-Jahre eingeläutet. Damals gründete der Unternehmer Harald Lange den Boxverein in Hellersdorf. Er finanziert ihn auch. Als Trainer holte er Horst Gülle, bis 1975 Cheftrainer von Dynamo Berlin. Lange, 52, ein Mann mit breiten Schultern, sagt: "Ich habe damals zu viel herumlungernde Jugend auf der Straße gesehen." Er wollte eine Alternative schaffen. "So richtige Typen gehen nicht zum Halma oder Basketball. Die haben Vorbilder wie Tyson. Und bei einem Projekt wie Boxen statt Gewalt merken sie gar nicht, wie sie bei uns erzogen werden."Pro Woche trainieren etwa 150 Jugendliche in der früheren Schulturnhalle in Hellersdorf, die Hälfte davon sind Russlanddeutsche, einige stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien, es sind Albaner darunter, Türken, ein Kolumbianer. 20 Prozent der Jungen sind Deutsche. Sie kommen aus grau-braunen Betonungeheuern, aus den Plattenbauten in Hellersdorf. Lange sagt: "90 Prozent kommen aus zerrütteten Familien, manche tun einem leid, wenn man die Suffköppe sieht, die ihre Väter sind."Wenn die Kinder zum Boxen kommen, führt sie der erste Weg ins Trainerzimmer von Gülle. Einer nach dem anderen streckt ihm die Hand hin, dann Harald Lange und den Trainern Otto Ramin und Dirk Käsebier. "Nimmste mal die andere aus der Tasche, mein Junge?", fragt Gülle.Die Erziehung fängt hier mit kleinen Dingen an. Gülle sagt: "Wir sehen das als unsere Aufgabe." Im Ring und außerhalb gibt es feste Regeln. "Beim Boxen lernen sie, den anderen zu achten. Beim Kampf Junge gegen Junge lernen sie Fairness. Und dass man nicht auf Wehrlosen rumtritt", sagt Otto Ramin. Im Idealfall übertragen die Kinder das auch in die Freizeit, natürlich gibt es auch immer wieder andere Fälle.Ramin kam vor einiger Zeit aus Schwerin zum Boxring Eintracht, um mit den Trainerkollegen die erfolgreiche Jugendarbeit fortzusetzen: Seit 1997 gewann der Verein mehr als 60 Medaillen bei Deutschen Meisterschaften, davon 23 goldene. Leistung ist eine Säule des Systems: Ansporn, Integrationsmittel, Basis für Anerkennung. Aber Leistung ist kein Ausschlusskriterium. "Die Tür ist offen für jeden", sagt Lange, "auch für den kleinen Dicken, von dem jeder weiß, dass er nie ein großer Champion wird."Die Jungen kommen aus der Umkleide nochmal ins Trainerzimmer, um sich zu wiegen. Handys, Geldbeutel und Schlüssel legen sie auf dem Kühlschrank ab. Im Trainerzimmer ist alles sicher. Auch die Worte, die hier fallen. Ernste Worte, die nicht nur von linken Geraden handeln, sondern von schlechten Schulnoten, Stress mit den Eltern, langen Diskonächten, gefährdeten Versetzungen oder von der Suche nach einer Lehrstelle. Gülle hat viele Geschichten gehört und zu lösen versucht.Anders als bei anderen Klubs ist hier, dass Gülle und die Trainer Ramin und Käsebier mit den Eltern und Lehrern der Kinder sprechen, dass sie helfen, Lehrstellen zu finden, dass Wettkämpfe, Trainingslager und Ausrüstung von Sponsoren finanziert werden. "Der Laden kostet im Monat mindestens 8 000 Euro", sagt Lange. Den größten Teil trägt seine Dienstleistungsfirma, "zusammen mit vier, fünf Firmen, die sich auf Grund meines Bekanntheitsgrades zusammengeschlossen haben", darunter die WohnTheke Hellersdorf. Immer wieder bringt Lange einen der Jungen als Lehrling bei sich oder den Partnerfirmen unter, als Gebäudereiniger, Landschaftsgärtner, Installateur, auf dem Bau. Kürzlich habe Boxpromoter Wilfried Sauerland zugesagt, das Projekt "Boxen statt Gewalt" mit tausend Euro monatlich zu sponsern. Im Gegenzug hofft Lange, den Profis neue Talente zuzuführen.Die Wände in der Turnhalle sind mit Graffiti bemalt, acht Sandsäcke baumeln an der Decke, in einer Reihe. Im Geräteraum hängen die Boxhandschuhe auf Haken. Boxsport bedeutet Ordnung und Regeln. Eine davon ist, dass in der Halle nur deutsch gesprochen wird. Paul Frolov, 19, erinnert sich, dass es damals ziemlich schwierig für ihn war. Als er mit seiner Familie aus Russland nach Hellersdorf kam, war er zwölf. Seine Mutter weinte, als er in die Schule musste, weil keiner aus der Familie deutsch verstand. Gleich in der ersten Woche nahmen Paul zwei Klassenkameraden zum Boxen mit.Er sah das als Chance, sich mit dem neuen Land, dem tristen Hellersdorf anzufreunden. Mittlerweile war Frolov zweimal Berliner Meister. Er boxt in der Oberligastaffel von Hertha BSC und bekommt Einzeltraining bei Otto Ramin, der sich nach Berufsschul- und Arbeitszeiten des Lehrlings richtet. Er gilt als Talent. Paul Frolov ist froh, dass er einen Platz im deutschen Leben gefunden hat. Er sagt: "Boxen ist gut für mich. Ich habe nur Schule, Arbeit, Training und meine Freundin. Ich habe gar keine Zeit, Scheiße zu bauen wie andere in meinem Alter."------------------------------"Ich habe Schule, Arbeit, Training und meine Freundin. Ich habe gar keine Zeit, Scheiße zu bauen." Boxer Paul Frolov------------------------------Foto: Erziehungsfeld Boxring: Bei der Eintracht Berlin betreiben die Jugendlichen nicht nur Sport, sie reden auch über schlechte Noten oder Stress mit den Eltern.