Branislav Kapetanovic verlor Arme und Beine durch eine Streubombe. An ihrer Herstellung hatte auch die Deutsche Bank verdient: Die gelben Killer

BERLIN. Am 9. November 2000 war Branislav Kapetanovic auf dem Flughafen Dubinje nahe dem serbischen Sjenica als Minenräumer im Einsatz. Den Sprengsatz, der in einem Busch verborgen lag, sah er trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nicht. Als er den Strauch bewegte, ging die Bombe sofort hoch. "In der Sekunde der Explosion ist es ganz leise. Es hört sich an, als würde jemand eine Flasche auf Beton schlagen. Ich hatte das Gefühl, ganz weit durch die Luft zu fliegen", berichtet der 44-Jährige. Er blieb bei vollem Bewusstsein, auch noch, als Soldaten ihn ins Krankenhaus fuhren. Dort wurden ihm sofort alle Gliedmaßen amputiert. Einen Monat lang schwebte er in Lebensgefahr, sein ganzer Körper war eine einzige Brandwunde. Noch weitere 24 Mal wurde Kapetanovic seither operiert. In sein Gesicht haben sich viele dunkle Flecken eingebrannt.Heute wird Branislav Kapetanovic mit seinem Rollstuhl zur Hauptversammlung der Deutschen Bank fahren. Es war zwar keine deutsche Waffe, die vor elf Jahren sein Leben um ein Haar auslöschte. Die BLU-97, die aussieht wie eine Coladose und wegen ihrer Farbe "gelber Killer" genannt wird, ist jedoch ein Produkt des US-Konzerns Alliant Techsystems. Und der ist seit Jahren ein guter Kunde der Deutschen Bank, die auch Aktien und Anleihen von Alliant hält. Kapetanovic will die Bank-Vorstände um Josef Ackermann auffordern, die Investitionen in die Herstellung von Streumunition einzustellen.In Deutschland ist zwar offiziell die Herstellung von Landminen geächtet, die lukrativen Geschäftsbeziehungen vieler deutscher Finanzinstitute zu Herstellern von Streumunition aber sind es nicht, stellt Thomas Küchenmeister fest, der Kapetanovic heute zur Hauptversammlung der Bank begleiten wird. Mit seiner Organisation Facing Finance - Finanzmärkte im Visier - versucht er herauszufinden, welche Geldhäuser gegen internationale Vereinbarungen verstoßen. Er könne belegen, dass die Deutsche Bank das spanische Rüstungsunternehmen Instalaza unterstützte, das jüngst auch dem libyschen Machthaber Muammar al-Gaddafi Streubomben lieferte, sagt Küchenmeister.Und das ist nicht alles: Die Deutsche Bank einschließlich ihrer Tochterunternehmen besitzt Wertpapiere von Rüstungsfirmen für viele Hundert Millionen Euro, steht in einer gemeinsamen Studie von Facing Finance und der entwicklungspolitischen Organisation Urgewald. "Im Geschäft mit Streumunitionsherstellern ist die Deutsche Bank Group Spitzenreiter in Deutschland", sagt Barbara Happe von Urgewald. Vier der sechs für die Studie untersuchten Streumunitionshersteller seien von der Deutschen Bank mit insgesamt 750 Millionen Dollar unterstützt worden. Im März erst habe das Finanzinstitut dem US-Streumunitionshersteller Textron einen Kredit in Höhe von 142 Millionen Dollar gewährt. Jene Deutsche Bank, die nicht müde wird zu betonen, sie verdiene ihr Geld sozial und auf ökologisch sinnvolle Weise.Auch Pioneer, die Tochterfirma der Hypovereinsbank, hat dem Papier zufolge in die Herstellung von Streumunition investiert. In der Studie sind aber auch öffentliche Institute wie die Landesbank Baden-Württemberg, die Norddeutsche Landesbank und die Bayerische Landesbank aufgelistet.Die internationale Konvention zur Ächtung von Streumunition haben im vergangen Jahr 108 Länder unterschrieben, Deutschland gehörte zu den Erstunterzeichnern. Seit August 2010 ist die Konvention in Kraft. Weil es jedoch verboten ist, Streubomben herzustellen und einzusetzen, aber nicht, in diese Waffen zu investieren, haben die Grünen kürzlich einen Antrag gestellt, auch die indirekte Finanzierung von Unternehmen zu untersagen, die mit Streubomben handeln. In Norwegen, Irland, Belgien, Luxemburg und Neuseeland ist das schon gesetzlich verboten.Weltweit sind nach Angaben von Facing Finance bereits mehr als 100000 Menschen Opfer von Streumunition geworden. Eine Untersuchung von Handicap International hat 2007 ergab, dass 98 Prozent der Opfer Zivilisten sind.Damals nach dem Nato-Krieg gegen Jugoslawien waren sie nur 15 Minenräumer im ganzen Land. Ungefähr 250 Euro bekamen sie monatlich dafür, dass sie die Streumunition entschärften. Als Kapetanovic nach dem Verlust seiner Arme und Beine im Krankenhaus lag und ihn sein Patenkind bei einem Besuch fragte, ob ihm etwas wehtue, wollte er nur wissen, wie sein Lieblingsverein Roter Stern Belgrad gegen Valencia gespielt habe. Der Junge wollte erst nicht mit der Sprache heraus, Belgrad hatte 2:5 verloren. Als er das endlich doch gestand, begannen beide zu lachen. "Dich kann nicht mal eine Bombe verändern", sagte das Patenkind. Es klang wie ein Trost.------------------------------Bedrohung noch für kommende GenerationenVom Standpunkt des Militärs aus ist Streumunition eine der wirksamsten konventionellen Waffen, da die einzelnen Sprengsätze über ein großes Gebiet verteilt werden.Sogenannte Kollateralschäden, also die Tötung oder Verstümmelung auch von Zivilisten, sind dabei unvermeidlich. Die Bedrohung hält noch lange nach dem Ende der Kampfhandlungen an. Denn nicht alle Mini-Bomben explodieren, und die verbleibenden Sprengsätze wirken wie Minen.Im Jugoslawien-Krieg 1999 warfen die Truppen der Nato-Staaten nach eigenen Angaben insgesamt 1392 Streubomben mit 289536 sogenannten Submunitionen an 333 Orten ab.In Afghanistan (2001-2002) und im Irakkrieg 2003 wurden zusammengenommen fast eine Million Streubomben eingesetzt. Im Libanon-Feldzug 2006 warf Israel Streubomben mit insgesamt mehr als vier Millionen Sprengsätzen ab.Der Einsatz von Streumunition steht international seit Jahren in der Kritik. 2008 wurde schließlich in Oslo eine Konvention verabschiedet, die Produktion, Lagerung und Verwendung von Streumunition verbietet. Sie trat am 1.August 2010 in Kraft. Zahlreiche Länder wie die USA, Russland, China, Israel, Indien, Pakistan und Brasilien tragen sie jedoch nicht mit.Mehrere Nato-Staaten - unter ihnen Deutschland - setzten Ausnahmeregelungen durch, die gemeinsame Militäraktionen mit den Streitkräften von Staaten zulassen, die weiter den Einsatz von Streubomben befürworten.------------------------------Foto: Branislav Kapetanovic ist in Berlin, um gegen das Geschäft mit Streubomben zu kämpfen.