Rio de Janeiro - Als Alexandre Anderson de Souza kurz nach Mitternacht vom Fischen zurückkam, warnten ihn seine Kollegen noch, aber das half nichts mehr: „Ich hab’ die Kugeln an meinem Kopf vorbeipfeifen hören.“ Er sah noch zwei Männer im Dunklen verschwinden – die Schüsse kamen vom Werksgelände einer Firma, die die Ölanlagen in die Bucht von Guanabara baut.

Alexandre und seine Kollegen hielten damals die Pontons, an denen die Schiffe Öl und Gas der nahen Raffinerie laden, 38 Tage lang besetzt, weil sie ihre Fischgründe zu vernichten drohten. Als Alexandre zur Polizei ging, wollte der Diensthabende die Anzeige zunächst nicht annehmen, als er hörte, dass die Schüsse vom Werksgelände gekommen waren.

Ölig schwarzer Bach

Das ist bald sechs Jahre her. Seitdem sind fünf Fischer ermordet worden oder verschwunden, und Alexandre, 44, der Präsident der Fischer-Vereinigung Ahomar, kann sich nicht mehr nach Praia de Mauá, einem Ortsteil der Großstadt Magé, wagen, wo Ahomar ihren Sitz hatte. Mit sechs Familienmitgliedern lebt er, finanziert durch ein Schutzprogramm der Regierung in Brasília, in einer Drei-Zimmer-Wohnung in der Nähe von Rio. Es ist die 16. Unterkunft der Familie, seitdem sie im November 2012 Magé Hals über Kopf verlassen musste. „In meinem eigenen Land lebe ich im politischen Exil“, sagt er.

In diese missliche Lage gebracht hat ihn und seine Mitstreiter der Widerstand gegen die Zumutungen, die der Ausbau der petrochemischen Industrie für Umwelt und Anwohner bedeutet. Die staatlichen Erdölgesellschaft Petrobras investiert Milliarden – zum Wohle der Allgemeinheit, wie 2006 der damalige Präsident Lula den Bau von Rohrleitungen und Raffinerien pries, ohne Rücksicht auf Verluste, sagen viele Anwohner. Ein Riesenschub für die Region sollte es sein, viele halten es für ein Desaster.

Das Gespräch mit Alexandre findet im Büro der Menschenrechtsorganisation Justiça Global statt, dessen einziger Luxus der betörende Ausblick ist: der Zuckerhut, davor das tintenblaue Wasser der Bucht mit den ein- und ausfahrenden Schiffen. Den Teil der Bucht, in der Alexandre zuhause war, zeigt keine Postkarte.

Eine Stunde Fahrt durch graue Vorstädte, vorbei an übelriechenden, müllübersäten Brackwassern, dann biegt man nach Praia de Mauá ab. Alexandres Schwester Andréia, die wegen der kranken Mutter geblieben ist, führt die Besucher. Es sieht alles friedlich aus: In der Ferne verschwimmen die Öl- und Gas-Pontons im Sonnenglast, buntgestrichene Fischerboote liegen bewegungslos im stillen Wasser, unter einem schattigen Baum sitzen ein paar alte Herren beim Bierchen zusammen.

Auf den zweiten Blick ist es nicht mehr idyllisch. Am Strand liegen jede Menge tote Fische. Neben dem geschlossenen Sitz von Ahomar fließt ein ölig schwarzer Bach in die Bucht. Wo die einfachen Häuser des Ortes aufhören, liegt das Gelände der Firma, die heute die Leitungen legt: Rohre über Rohre, bereit zur Montage. Weiter will Andréia nicht fahren: „Da hinten beginnt das freie Feld, da ist es nicht mehr sicher!“ Warum? „Weil sich dort zwei Drogenbanden um das Terrain streiten, und die Miliz hängt auch mit drin.“

Unter dem Schutz von Leibwächtern

Hier ist die Bucht seicht, ursprünglich war sie von riesigen Mangrovenwäldern bestanden. Aber das hat sich geändert. Magé hat heute fast 300.000 Einwohner. Vor dem Jahr 2000, sagt Alexandre, standen am Nordrand der Bucht eine Raffinerie und zwei Öl-Terminals, heute sind es drei Raffinerien, vier Terminals, drei Piers. Zu jedem führen Rohrleitungen, die den Fischern die Arbeit vergällen. Bis zu 500 Schiffe seien im Dienst von Petrobras ständig in der Bucht unterwegs, schätzt Alexandre, Fischereizonen habe der Staat bis heute nicht ausgewiesen.

Trotz seiner Flüchtlingsexistenz ist Alexandre ganz zufrieden mit den Erfolgen. „Wir arbeiten jetzt eben an den anderen 28 Fischer-Stränden der Bucht – überall bis auf Magé“, antwortet er auf die Frage, ob sie den Kampf in Wahrheit nicht verloren hätten: „Wir haben über die Gerichte vier große Vorhaben von Petrobras verhindern können!“

Das Allergrößte, Comperj, steht womöglich auf der Kippe. Auf 45 Quadratkilometern nordöstlich der Bucht entsteht der größte Petrochemie-Komplex Südamerikas, dessen Bau über 200.000 Menschen beschäftigen sollte. So hieß es jedenfalls 2006, aber niedrige Ölpreise und ein epochaler Korruptionsskandal stürzten Petrobras in die Krise. Was aus dem noch nicht fertiggestellten Projekt wird, ist ungewiss. Zumal sich die Kosten von anfangs 6,5 Milliarden US-Dollar verdoppelt haben. „Ich hab’ geweint vor Freude, als die Petrobras-Schweinereien ans Licht kamen“, sagt Alexandre.

2009, drei Wochen nach dem nächtlichen Anschlag, wurde der Ahomar-Kassenwart Paulo Cézar dos Santos ermordet: Drei Männer tauchten nachts bei ihm auf, verprügelten ihn und schossen ihm dann fünfmal ins Gesicht, alles vor seiner Frau und den Kindern. „Ich hab’ die Schüsse gehört, er wohnte nicht weit weg“, sagt Alexandre. Abgegeben wurden sie aus einer Waffe, wie sie normalerweise nur die Sicherheitskräfte haben.

Alexandre wurde dann in das Programm zum Schutz von Menschenrechtsaktivisten aufgenommen, das die Regierung in Brasília 2004 geschaffen hatte. „Ob ich zum Bäcker ging oder in die Kirche, immer hatte ich zwei bewaffnete Leibwächter an meiner Seite“, erinnert er sich. Aber sicher fühlte er sich nur bedingt. Denn die Leibwächter waren Polizisten – und Polizisten sind klassischerweise die Angehörigen der Milizen. Die Ahomar-Leute sind felsenfest davon überzeugt, dass, wenn nicht Petrobras, so doch deren Vertragsfirmen Milizionäre anheuern, um lästige Störfaktoren auszuschalten. Was die Firmen bestreiten.

Ermittlungen ohne Ergebnisse

Ende 2012 hatte sich die Lage so zugespitzt, dass Alexandre und seine ebenfalls bedrohte Frau umgehend nach Brasília zitiert wurden, wo ihnen die Verantwortlichen des Schutzprogramms eröffneten, sie müssten aus Magé verschwinden.

Sandra Carvalho, die Direktorin der Menschenrechtsorganisation Justiça Global, hält das Programm für zu dürftig. Die Leibwächter seien nicht vertrauenswürdig gewesen. Außerdem habe das Programm den Sinn, die Person nicht nur zu schützen, sondern auch ihre Menschenrechtsarbeit zu gewährleisten – dies sei im Fall Alexandre nicht erreicht.

Das Menschenrechtssekretariat in Brasília, das das Programm verwaltet, teilt auf Anfrage mit, bisher seien 1164 Menschen unter seinen Schutz gestellt worden – erfolgreich, keiner sei ermordet worden. Alexandre Anderson habe alle nötige Unterstützung bekommen, die im übrigen „durchschnittlich 7086,25 Reais im Monat“ – 2331 Euro – koste.

Seine Aktivität als Menschenrechtsaktivist sei in keinem Moment beeinträchtigt worden, was sich daran zeige, dass er seinen Standpunkt „in völliger Freiheit“ auf Konferenzen und Seminaren äußern könne. „Absurd“, knurrt Alexandre, „ich kann nicht nach Magé, und Ahomar ist geschlossen.“

Ein Sprecher des Sicherheitsministeriums von Rio de Janeiro erklärt auf Anfrage, die Todesfälle seien von einer auf Organisierte Kriminalität spezialisierten Polizeieinheit untersucht worden. Aber die habe keine Hinweise auf Milizentätigkeit gefunden und die Fälle an die Mordkommission weitergereicht; ein Täter sei verhaftet worden. „Richtig“, sagt Alexandre, „bloß dass der kurze Zeit danach wieder freigelassen wurde.“