Rio de Janeiro - Zum Confederations-Cup-Endspiel Brasilien gegen Spanien nach Rio de Janeiro, zur Hochzeit der Tochter eines Kollegen in den Mode-Badeort Trancoso – sind das dienstliche Termine für die Präsidenten der Parlamentskammern in Brasilien? Jedenfalls haben die beiden Politiker die Flugbereitschaft der brasilianischen Luftwaffe für ihre Reisen bemüht – und zwar gerade in den Tagen, als Hunderttausende für niedrigere Bustarife und gegen Korruption auf die Straße gingen.

Die Zeitungen hatten Henrique Alves, den Präsidenten des Abgeordnetenhauses, im gelbgrünen T-Shirt gezeigt, wie er im Maracanã-Stadion gebannt das Endspiel gegen Spanien verfolgt. Für die Reise aus Natal im Nordosten des Landes nach Rio hatte Alves eine der 15 Maschinen angefordert, die die Luftwaffe für Politiker-Sonderflüge bereithält. Alves nahm noch sieben Angehörige und Freunde mit. An Platz hat es nicht gefehlt: In die Maschine, eine Embraer 145, passen bis zu 50 Passagiere.

Hochzeit in schickem Badeort

Renan Calheiros, der Präsident des Senats, bestellte eine Maschine für den Flug nach Porto Seguro, den nächsten Flugplatz in der Nähe von Trancoso, einen schicken Badeort. Dort heiratete die Tochter seines Partei-Kollegen Eduardo Braga. „Ich wurde als Senatspräsident eingeladen“, rechtfertigte sich Calheiros, „die Reise war also eine dienstliche Verpflichtung.“ Auch Alves gab an, in Rio eigentlich gearbeitet zu haben. Allerdings bestand sein einziger offizieller Termin, das Spiel beiseite gelassen, in einem informellen Mittagessen mit Rios Bürgermeister Eduardo Paes.

Die öffentliche Empörung über die eigenwillige Art, die Vokabel „dienstlich“ zu interpretieren, war umso höher, als die Privilegien der Politiker eine der Zielscheiben der Demonstranten waren, die in den vergangenen Wochen so zahlreich und so wütend wie selten zuvor auf die Straße gegangen waren. Hinzu kommt, dass Alves und Calheiros sehr umstrittene Figuren sind – wegen heftiger Korruptionsvorwürfe.

Immerhin erklärten sich beide bereit, die Kosten zurückzuerstatten. Alves zahlte jedoch nur rund 3000 Euro – die Summe dessen, was seine Mitflieger für Linienflüge ausgegeben hätten, aber nicht die Kosten für einen Charterflug. „Mein Fehler war, dass ich meine Begleiter habe mitfliegen lassen“, sagte Alves, der seit 1971 ununterbrochen im Parlament sitzt. Calheiros zierte sich zunächst, kündigte dann aber an, rund 11.000 Euro zurückzugeben.

Was die Flugbereitschaft pro Stunde kostet, sei „eine strategische Information“ und deshalb geheim, teilte die brasilianische Luftwaffe der Zeitung O Globo auf Anfrage mit. Calheiros sprach von einer „Grauzone“, weil nicht klar sei, wann Amtsträger fliegen dürften. Aber so grau ist die Grauzone eigentlich nicht: Das Formular zur Beantragung eines Flugzeugs gibt vier mögliche Gründe vor: Sicherheit, medizinischer Notfall, dienstliche Verpflichtung oder Heimflug. Für die Hochzeit in Trancoso kreuzte Calheiros, wie die Zeitung Folha de S. Paulo schrieb, keine dieser Optionen an, sondern erfand eine neue: „Institutionelle Mission“.