Rio de Janeiro - Brasiliens Wahlkampf nimmt nach dem Tod des sozialdemokratischen Spitzenkandidaten eine deutlich Wendung. Wie mehrere hochrangige Politiker der sozialistischen Partei PSB erklärten am Sonnabend erklärten, soll frühere Umweltministerin Marina Silva, ehemals eine Grüne, anstelle des bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen Campo gegen Staatschefin Dilma Rousseff antreten. Die Kandidatur von Silva sei so gut wie sicher, berichtete die Zeitung O Globo in ihrer Onlineausgabe. Die offizielle Entscheidung werde am Mittwoch verkündet. Marina Silva gilt als nicht korrupte Politikerin und als Stimme der Unzufriedenen, die im Juni 2013 in Massen auf den Straßen protestiert haben.

Der Wahlkampf selber nimmt in den Niederungen des Alltags teilweise irreguläre Formen an. In den Favelas von Rio de Janeiro bestimmen Drogenbanden und Milizen, wer dort Wahlkampf führen darf – und was das kostet. Knapp zwei Monate vor der Wahl trauen sich die Politiker nicht einmal mit massiver Polizeipräsenz in die Favelas, wenn sie nicht vorher einen Pakt mit dem organisierten Verbrechen geschlossen haben.

2008 versprach die Politik vor allem in Hinblick auf die Fußball-WM und die Olympischen Spiele 2016 das Gewaltniveau in ausgewählten Favelas zu senken: Eine Art Bürger-Polizei sollte die Macht der Drogenbanden und der Milizen brechen. Aber nach Polizei-Übergriffen ist das Modell vom Scheitern bedroht – und den jetzigen Wahlkampf kontrolliert das organisierte Verbrechen sogar noch strenger als früher, urteilt die Zeitung O Globo.

Schwarze Listen und hohe Kosten

Bestimmte Kandidaten und Parteien stünden auf schwarzen Listen, vor allem jene, die die Drogenbosse für die Befriedungspolitik verantwortlich machen und deshalb abstrafen wollen. Jenseits solcher Rache-Absichten zählt nur das Geld: Für das Recht, exklusiv in einer Favela Wahlkampf machen zu dürfen, würden je nach Größe der Bevölkerung umgerechnet zwischen 28 000 und 33 000 Euro kassiert.

Die Konkurrenten werden entweder vergrault, oder sie kommen in anderen Favelas zum Zug, wo wiederum sie das Recht auf Exklusivität erkaufen können. Wenn die Drogenbosse mit ihren Helfershelfern aktiv für einen Kandidaten eintreten, könne das bis zu 100 000 Euro kosten.

Die Milizen verfolgen eine andere Strategie. Ihre Führer und Mitglieder kommen oft aus der Polizei, der Armee oder der – in Brasilien bewaffneten – Feuerwehr. Sie suchen nach politischen Verbindungen, um selbst in die Politik einsteigen zu können, nachdem in den vergangenen Jahren zahlreiche Milizionäre mit öffentlichen Ämter aufgeflogen sind und entfernt wurden.

Stellwände von Politikern werden abgerissen und verbrannt

Dennoch geht es auch dort ums große Geld: Das Boulevardblatt Extra berichtet, die Anwohner-Vereinigung im von Milizen kontrollierten Stadtteil Del Castilho habe eine Art Wahlkataster der angeblich 110 000 Wähler in ihren Favelas erstellt, um damit ihre Forderung nach 33 000 Euro zu untermauern – dafür dürfen Kandidaten dort plakatieren. Die Stellwände von Politikern, die nicht zahlen, werden abgerissen und verbrannt. Als Wahlhelfer in einem Fall neue aufstellen wollten, wurde sie bedroht, ihr Auto werde gleich in Flammen aufgehen.

Etliche Politiker machen deshalb in manchen Favelas keinen Wahlkampf. „Ich versuch es nicht einmal“, zitiert O Globo den Mitte-Rechts-Kandidaten Luiz Paulo Corrêa, „ich weigere mich, jemanden um Erlaubnis zu fragen“. Auch der Linke Marcelo Freixo kann sich dort nicht mehr sehen lassen – er leitete einen Untersuchungsausschuss, der die Macht der Milizen publik machte.