Der Mensch, schrieb Bertolt Brecht, ist ziemlich schlecht, dafür braucht er gelegentlich eins auf den Hut. Barbara Brecht-Schall, die Hauptparzellistin in Papas "Schrebergärtchen" und Bürovorsteherin der Brecht-Erben, erhält Post vom Gericht. Darin steht, mit anderen Worten: Heiner Müller habe in seinem Stück "Germania 3", worin er aus "Galilei" und "Coriolan" zitierte, nicht bei Brecht geklaut, sondern künstlerisch frei gehandelt. Er habe mit Verballhornungen von Gedichtanfängen Brecht nicht verunglimpft, sondern den Text als Material genommen. Die ironische Nennung von Brechts Lebensgefährtinnen Helene Weigel, Elisabeth Hauptmann und Ruth Berlau als die "drei Brecht-Witwen" sei hinzunehmen.Die Freude über den Hieb auf den Hut von Frau Barbara, von Hanne Hiob und Stefan Brecht besteht darin, dass das höchste deutsche Gericht künstlerische Freiheit höher wertet als private Erbansprüche, denn die Empörung der Erbengemeinschaft über die "drei Witwen" ist kaum sittlicher Natur, wohl eher der Angst geschuldet, dass die Erben der "Witwen" Hauptmann und Berlau am Umsatz beteiligt werden wollen, schließlich war der Autor Brecht ja eine Werkstatt.Als das Bundesverfassungsge-richt in Karlsruhe gestern das Verbot der Buchausgabe von Heiner Müllers Theaterstück "Germania 3 - Gespenster am toten Mann" (Verlag Kiepenheuer & Witsch) aufhob, das die Brecht-Erben vor zwei Jahren vor dem Oberlandesgericht München erreicht hatten, gaben die Karlsruher Richter die Erklärung: Das Münchner Gericht habe "die Bedeutung und Tragweite der Kunstfreiheit grundlegend verkannt". Mit der Veröffentlichung stehe ein Werk nicht mehr allein seinem Inhaber zur Verfügung. Es löse sich mit der Zeit "von der privatrechtlichen Verfügbarkeit und werde geistiges und kulturelles Allgemeingut". Künstler müssten Eingriffe in ihr Urheberrecht hinnehmen, wenn andere Künstler sich mit ihrem Werk auseinander setzten. Der neue Autor dürfe Passagen des Kollegen verwenden, solange sie "Gestaltungsmittel seiner Aussage bleiben". Müller ging es nach Ansicht der Verfassungsrichter darum, Brecht als Person der Zeit- und Geistesgeschichte kritisch zu wür-digen, da sei es legitim, ihn selbst zu Wort kommen zu lassen.Das Urteil ist nicht nur sensationell, sondern auch echt müllerisch gedacht! Müller: "Brecht gebrauchen, ohne ihn zu kritisieren, ist Verrat." Und brechtisch gesehen! Brecht witzelte über seine "Laxheit in Fragen geistigen Eigentums", etwas fürs "Schrebergärtchen". In Karlsruhe sprechen Brecht- und Müller-Exegeten Recht? Die deutsche Literatur geht jetzt goldenen Zeiten entgegen.