Aus gesammelten Zeitungsnotizen und Alltagsbeobachtungen formte Bertolt Brecht ab 1937 kleine, in sich geschlossene Szenen. Jeder Szene trägt sich an einem anderen Ort zu; stets treten andere Figuren auf. Alle Szenen jedoch haben ein gemeinsames Thema: Angst, Misstrauen, Verrat prägen den Alltag im Nationalsozialismus und fressen sich durch alle Gesellschaftsschichten. Eltern fürchten sich vor ihrem zehnjährigen Sohn, der sie in der Hitlerjugend denunzieren könnte. Die jüdische Frau verabschiedet sich nach Amsterdam, um ihren "arischen" Mann nicht zu gefährden. Der Amtsrichter verliert bei dem Versuch, einen juristischen Fall systemkonform zu interpretieren, den letzten Rest an Überblick. Bertolt Brechts Zyklus unter dem Titel "Furcht und Elend des Dritten Reiches" wuchs auf beinahe dreißig Szenen an.Brecht beim Wort genommenRegisseur Manfred Karge hat im Pavillon des Berliner Ensembles sieben dieser Szenen in eine dichte Aufführung gegossen. Das Publikum sitzt sich in zwei Blöcken gegenüber. In der Mitte geraten die Figuren unter verschärfte Beobachtung, wandeln ohne Rückendeckung auf schmalem Grat. Knappe musikalische Zäsuren vom Band sowie Titel- und Ortsansagen läuten die Szenen ein. Ein langer Tisch und ein paar Stühle variieren als Arbeiterküche, Gerichtssaal, bürgerliches Wohnzimmer. Ein Hitler-Bild, ein Wandtelefon und ein paar Kaffeetassen genügen als Requisiten. Auch an den historisch korrekt nachgebildeten Kostümen von Wicke Naujoks muss man sich nicht lange aufhalten.Die Inszenierung interessiert sich nicht für ästhetisches Neuland. Sie verzichtet auf Geschmacksbekenntnisse und zeitgeistige Kommentare. Das ist ihre Stärke. Indem sie Geschichte dokumentiert, erreicht sie mühelos die Gegenwart. Mit größtmöglicher Einfachheit nimmt sie den Autor beim Wort, baut die Versuchsanordnungen nach und blickt in die Gehirne von Menschen, die unter existenziellen Druck geraten sind.Alle Schauspieler sind in mehreren Rollen zu sehen. Sie reden um den heißen Brei herum oder sich um Kopf und Kragen. Vor allem aber schweigen sie. Besonders eindrücklich zeigen sich Dieter Montag als sich windender Amtsrichter, Norbert Stöß als sich in Vorsichtsgesten auflösender Ehemann und Swetlana Schönfeld als jüdische Frau. Sie steigert den Abschiedsmonolog intensiv und berührend von der Abmeldung zum Kurzurlaub in ein schmerzzerrissenes Adieu.Konsequent nimmt die Aufführung die Anfänge ins Visier, jene Momente, in denen der Verdacht zwischen zwei Menschen kriecht, in denen gemeinsame Vergangenheit geleugnet wird, in denen einer den anderen im Stich lässt, um die eigene Haut zu retten. Erschreckend daran ist die Summe, die Ansammlung von Überlebenstechniken, die auf Kosten des Nachbarn gehen. In dieser Hinsicht scheint uns, je brutaler die Verhältnisse, ein um so unerschöpflicheres Repertoire zur Verfügung zu stehen.Weitere Aufführungen im Pavillon des Berliner Ensembles am 4. 3. um 19,30 Uhr und 27. 3. um 20 Uhr. Kartentelefon: 28 40 81 55------------------------------Foto: Anna Graenzer (Dienstmädchen) und Stephan Schaefer (SA-Mann)