Die Uhr, die an dem Gebäude in der Møllergata 19 in Oslo hängt, ist eine Kopie. Vor zwei Jahren ist das Original kaputt gegangen, als Anders Behring Breivik im Regierungsviertel der norwegischen Hauptstadt eine Autobombe zündete. Heute befinden sich die Reste der Uhr im Osloer Stadtmuseum. Acht Menschen starben damals im Regierungsviertel, viele Gebäude wurden zerstört. Nach den Anschlägen fuhr der rechtsradikale Breivik zur Insel Utøya und tötete dort 69 Jugendliche, die an einem Zeltlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation AUF teilnahmen. Am Montag jährt sich der Tag dieser Anschläge zum zweiten Mal.

Noch immer haben die Norweger die Geschehnisse vom 22. Juli 2011 nicht endgültig verarbeitet. Zurzeit plant die Regierung drei Mahnmale für die insgesamt 77 Ermordeten.

Lisa Marie Husby überlebte die Anschläge. „Jetzt, wo sich das Datum 22. Juli nähert, habe ich zusätzlich zu den psychischen Schmerzen auch physische“, sagte sie einem norwegischen Radiosender. Immer wieder hat sie Flashbacks, in denen sie die Erlebnisse erneut durchleben muss. Sie befindet sich noch immer in psychologischer Behandlung.

23 Millionen Euro für psychologische Betreuung

Ihr Studium musste Lisa Marie Husby wegen Konzentrationsschwierigkeiten abbrechen. „Es gab Zeiten, da dachte ich, dass die Menschen nicht mehr hören können, dass es mir immer noch schlecht geht. Deswegen sage ich einfach, dass es mir gut geht“, sagte sie im Radio. „Aber vielleicht müssen die Menschen auch hören: Es ist in Ordnung, wenn es mir nicht gut geht, auch nach zwei Jahren.“

Laut einer Studie, die das Nationale Zentrum für Gewalt und traumatischen Stress (NKVTS) vor einigen Tagen veröffentlicht hat, leiden 40 Prozent der Jugendlichen, die Breiviks Massaker überlebten, unter Angst und Depressionen. Kurz nach den Anschlägen waren es 70 Prozent. Auch die Familien und Freunde kämpfen mit psychischen Problemen: 30 Prozent der betroffenen Eltern haben heute noch Depressionen. Grete Dyb hat die Studie geleitet. Es werde noch zwei bis fünf Jahre dauern, schätzt sie, bis die Jugendlichen wieder in einer seelischen Verfassung wie vor dem 22. Juli 2011 sind.

Nicht alle zeigen dafür Verständnis. Viele Städte bieten keine Opfer-Hilfsprogramme mehr an, obwohl die Regierung seit 2011 einen Etat von umgerechnet 23 Millionen Euro für psychologische Betreuung zur Verfügung gestellt hat. Norwegische Medien berichten, dass noch sechs Millionen Euro davon übrig sind.

Eine Antwort auf die Anschläge

Auch die Regierung kümmert sich nicht mehr. Die Politiker hatten die nationale Gesundheitsorganisation Helsedirektorat um Vorschläge gebeten, wie die Situation der Utøya-Opfer verbessern werden und man sich für künftige Krisen wappnen könne. Obwohl die Organisation zahlreiche Vorschläge machte und finanzielle Unterstützung beantragte, ist bisher kein Geld geflossen. Die Folge: Die Zahl psychologischer Schulungen für den Umgang mit traumatisierten Jugendlichen musste halbiert werden. Viele müssen daher allein mit ihren Ängsten fertig werden.

Anfang Juli fand nun erstmals seit den Anschlägen wieder das sozialdemokratische Jugendlager statt. Zwar wurden die Zelte an einem anderen Platz aufgeschlagen und es gibt extreme Sicherheitsmaßnahmen. Aber die Teilnehmerzahl erreichte Rekordhöhe. 2011 kamen 564 Aktivisten, in diesem Jahr waren es 750. Siv Elise Lotterud war in diesem Jahr zum ersten Mal dabei. „AUF steht für das gleiche, für das auch ich stehe“, sagte sie im Radio. „Ich bin besonders interessiert an Themen wie Gleichstellung und Gesundheitspolitik.“

Nicht nur das Zeltlager, ebenso die Jugendorganisation hatte nach den rechtsradikalen Anschlägen einen großen Zulauf: In den ersten sechs Monaten stieg die Mitgliederzahl von 9600 zu 13.900. Auch das war eine Antwort auf die Anschläge.