LONDON, 22. August. Eine britische Armee-Einrichtung zur Giftgasforschung die dem Verteidigungsministerium unterstehende Defence Evaluation and Research Agency (DERA) in Porton Down sieht sich mit der polizeilichen Untersuchung eines 46 Jahre zurückliegenden Todesfalles konfrontiert. Wie die Ermittlungsbehörden in der Grafschaft Wiltshire mitteilten, hätte das Institut damals möglicherweise Freiwillige unter Angabe falscher Tatsachen zur Teilnahme an Experimenten überredet. Einer der Ex-Freiwilligen, der heute 61-jährige Gordon Bell, behauptete, ihm sei damals erklärt worden, der Test diene der Entwicklung eines Medikamentes gegen Erkältungskrankheiten. In Wirklichkeit sei er aber mit dem hochgiftigen Sarin in Kontakt gebracht worden dem Kampfstoff, mit dem vor vier Jahren bei einem Anschlag in der Tokioter U-Bahn zwölf Menschen getötet und über 4 000 verletzt worden waren. Freie Tage und SondersoldIm Rahmen der Sarin-Tests war im Mai 1956 in Porton Down ein Soldat getötet worden, der damals 20-jährige Ronald Maddison. Nach einem in der britischen Zeitung "Guardian" zitierten, bislang geheimen Untersuchungsbericht war Maddison und vier anderen Freiwilligen eine Dosis von jeweils 200 Milligramm Sarin auf den Ärmel der Uniform getröpfelt worden. Während seine Kameraden den Test ohne Probleme hinter sich brachten, war Maddison seinerzeit nach gut 20 Minuten bewusstlos zusammengebrochen und wenige Stunden später gestorben. Seine Teilnahme an den Tests hatte dem Soldaten zwei zusätzliche freie Wochenenden und einen Sondersold von 75 Pence einbringen sollen. Gordon Bell, der einige Monate nach Maddison an ähnlichen Tests mit Sarin teilnahm, hatte die staatsanwaltschaftlichen Untersuchungen mit der Behauptung ausgelöst, die Verantwortlichen wären sich durchaus bewusst gewesen, dass die Freiwilligen bei den Experimenten in Lebensgefahr geraten könnten. In einem solchen Falle müsste die Institution und damit das britische Verteidigungsministerium wegen "corporate man-slaughter" verurteilt werden, also quasi gemeinschaftlichen Totschlags. Es gilt jedoch als schwierig, diese Behauptung zu beweisen. Gordon Bell leidet unter Lähmungserscheinungen und Hautekzemen; er hat mehrere Herzanfälle und einen Schlaganfall hinter sich. Seinen schlechten Gesundheitszustand führt er auf die damaligen Experimente zurück, an denen er "wie eine menschliche Labor-Maus" teilgenommen hätte. Nach DERA-Angaben haben sich bis heute neben Bell 150 weitere Freiwillige wegen möglicher gesundheitlicher Spätfolgen mit dem Institut in Verbindung gesetzt; andere Quellen sprechen von 300 Freiwilligen, die über Folgen der Experimente klagen. Anders als in den USA und Frankreich gibt es in Großbritannien keine pauschalen Schmerzensgeld-Regelungen zu Gunsten von Soldaten, die an den militärischen Giftgas- und Nuklear-Experimenten teilnahmen, die in den Fünfzigern weit verbreitet waren. Es gilt im Gegenteil als schwierig, Ansprüche gegenüber dem Verteidigungsministerium durchzusetzen. Die Akten der Forschungseinrichtung in Porton Down gelten für die Zeit vor 1980 als äußerst lückenhaft.EXPERIMENTE Klagen über Folgen // Über 20 000 Soldaten der britischen Armee haben in den vergangen 20 Jahren freiwillig an Tests des Giftgas-Forschungsinsititus DERA teilgenommen.Rund 300 von ihnen klagen heute über Spätfolgen der Experimente. Dazu gehören Haut- und Augenkrankheiten sowie Nieren und Leberprobleme.Nur wenige erhalten Versehrten-Rente.