LONDON, 10. August. Für den britischen Außenminister Robin Cook ist alles "pure Phantasie": "Es hat keinen von der Regierung initiierten Plan für ein Attentat auf Gaddafi gegeben", ließ Cook am Sonntag in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zu entsprechenden Spekulationen in der Presse wissen. "Es gab keinen Vorschlag des Geheimdienstes SIS dafür, und ich bin ziemlich sicher, daß es nie eine Beteiligung des SIS gegeben hat."Die Behutsamkeit im letzten Teil der Formulierung des affärenerprobten Außenpolitikers hat offenbar Gründe. Der Ex-Geheimdienstler David Shayler, der jetzt mit der Geschichte über eine Verwicklung des SIS in einen Attentatsversuch auf den libyschen Diktator im Februar 1996 an die Öffentlichkeit getreten war, läßt schließlich offen, ob seine damaligen Kollegen die Londoner Regierung über das Vorhaben überhaupt informiert hatten. Ein Agent der Spionageabteilung MI6 mit dem Decknamen "PT16B" soll Shayler im November 1995 berichtet haben, daß er über einen Verbindungsmann ("Tunworth") Kontakt zu einer fundamentalistischen Gruppe in Libyen aufgenommen habe, die einen Anschlag auf Gaddafi ausführen wolle. Als vier Monate später Berichte über ein mißlungenes Attentat im libyschen Sirte auf Shaylers Schreibtisch bei der Spionageabwehr MI5 landeten, habe sein MI6-Gegenüber "PT16B" ihm "auf triumphierende Art gesagt, ja, wir haben es gemacht."Regierung nimmt die Sache ernstDer "New York Times" erzählte Shayler, dies habe ihn so schockiert, daß er der Sache nachgegangen sei. Nach seinen Angaben die durch Recherchen der BBC und des britischen "Guardians" bestätigt werden soll die libysche Oppositionsgruppe "Islamic Fighting Force" im Vorfeld der Aktion über den MI6-Agenten "Tunworth" rund 300 000 Mark zugespielt bekommen haben. Shaylers Geschichte indes hat Unschärfen. Während der Ex-Agent von einem Bombenattentat spricht, bei dem der Sprengsatz unter dem falschen Auto detoniert sei und es mehrere Tote gegeben habe, hat die "Islamic Fighting Force" in ihren Verlautbarungen seinerzeit lediglich allgemein von einem Attentat gesprochen, bei dem drei ihrer Kämpfer umgekommen seien. Von einer Bombe ist nicht die Rede.Trotzdem deutet vieles darauf hin, daß die britische Regierung die Enthüllungen des Ex-Agenten nicht für reine "Hirngespinste" hält, sondern ernst nimmt. Mit großem Aufwand hat sie über Tage hinweg jegliche Veröffentlichungen zu der Libyen-Connection gerichtlich verhindert unter Hinweis auf die nationale Sicherheit. Zuletzt hatten Regierungsanwälte mehr als zwölf Stunden mit BBC-Redakteuren verhandelt, bis der Sender im Nachrichtenmagazin "Panorama" einen Beitrag senden durfte.Shayler ist in Großbritannien schon länger durch eine "Maulkorb"-Verordnung mundtot gemacht worden, damit er keine Geheimnisse ausplaudert. Der Ex-Agent versucht, eine Kampagne gegen Verschwendung und Inkompetenz in den Geheimdiensten zu führen. Statt ihm aber den gewünschten Termin mit dem Kontrollausschuß des Unterhauses zu gewähren, hat die Regierung ganz andere Maßnahmen ergriffen: Seit Anfang August sitzt Shayler in französischer Auslieferungshaft. Der SIS will ihn in London wegen Geheimnisverrats anklagen. Shaylers Freundin Annie Machon, die ebenfalls früher für die Geheimdienstabteilung MI5 arbeitete, hat inzwischen angedeutet, Shayler könnte sich zu weiteren Enthüllungen gezwungen sehen, wenn man ihn unter Druck setze. So verbreitet Machon, daß zwei Minister von Premier Blair Ex-Geheimagenten seien, die früher über Kollegen berichtet hätten. Shayler habe Original-Beweise versteckt. Regierungsvertreter winken ab: "pure Phantasie". Das Auslieferungsbegehren soll dennoch vorsichtshalber geändert werden auf Aktendiebstahl.