Es gibt nicht viele Dinge im Leben, auf die man sich verlassen kann. Die Welt ist aus den Fugen, das ist klar. Daß ein Bruce-Spring-steen-Konzert pünktlich um halb acht beginnt, gehört zu den wenigen Konstanten im ausgehenden 20. Jahrhundert. Halb acht hat er auch 1988 in Weißensee angefangen, genau gesagt um 19.37 Uhr, erinnert sich ein Freund. Damit soll bereits alles über die magische Zahl 1988 gesagt sein. Das Konzert von Bruce Springsteen vor Hunderttausenden Zuschauern in Ostberlin war für viele, die es gesehen haben (und auch für viele, die weder etwas gesehen, noch gehört haben), eine biografische Erfahrung, die heute noch mit dem Akkord einer Fender-Gitarre nachhallt. Es war nicht nur Rock n Roll. Springsteen und Berlin, das ist seit diesem Tag von Weißensee eine eigene Geschichte. Der große und der kleine BruceWomöglich ist die Atmosphäre in der Parkbühne Wuhlheide aus erinnerungsschwangeren Gründen ein paar Grad wärmer als an anderen Orten der Tour. Im Publikum hält ein Junge gemeinsam mit seinem Vater ein Transparent in die Höhe. "Greetings from Bruce to Bruce", steht darauf, neben den Grüßen sind ein Kinderfoto und das Porträt des Sängers zu sehen. Der Junge könnte so um die zehn Jahre alt sein. Er wird vielleicht schon wissen, warum er Bruce heißt. Der große Bruce kommt also pünktlich um halb acht, weil wir uns ja auf ihn verlassen können, und er startet die Show mit "My love will not let you down", einem Stück seines vor einem halben Jahr edierten Box-Sets "Tracks", das einige Dutzend bis dato unveröffentlichter Songs versammelt. "Tracks" sei so etwas, wie die Alternativ-Version seines künstlerischen Schaffens, hat Springsteen dazu erklärt. Es sind Songs, die es aus dramaturgischen Gründen nicht auf die LPs geschafft haben, weil sie etwa für das düstere Album "Darkness on the Edge of Town" zu fröhlich waren. Bei seinen Konzerten greift Springsteen nicht weiter auf diese zum Teil großartigen, krachigen oder elegischen, in jedem Falle jedoch unbekannten Stücke zurück. Seine Wiedervereinigungsreise mit der E-Street-Band folgt bis auf wenige Momente der Stille nur einem Zweck. Der heißt Party und nicht Alternative.Springsteens Begleiter, die er vor zehn Jahren nicht zuletzt auf Empfehlung seines schlechten künstlerischen Beraters Sting entlassen hat, haben die Kränkungen der Vergangenheit verarbeitet und stehen ihrem Vortänzer wieder loyal zur Verfügung. Schon in den ersten, wirklich umwerfenden 30 Minuten der Show wird klar, warum Springsteen auf diese Musiker nie im Leben wird verzichten können, wenn er wirklich Bruce sein will. Das ist die Essenz des Rock n Roll: Nils Lofgren und Steve Van Zandt an den Gitarren, wie sie sich verschwörerisch die klitzekleinen Melodielinien zureichen und sofort wieder dezent im Hintergrund verschwinden, wie sie sich gemeinsam mit Bruce Springsteen an der Bühnenkante in einer Dreierkette aufbauen und ihre Gitarrenarbeit synchronisieren. Nicht für einen Moment wirken ihre Posen peinlich oder geschäftsmäßig. Hier scheint eine Band unterwegs zu sein, die vor allem auch zu ihrem eigenen Spaß auf die Bühne kommt. Diese Freude am Spielen überträgt sich von der ersten Minute an auf das Publikum, das sich mit einer naturgegebenen Grund-euphorie ausgestattet in den drei Stunden des Konzertes in einen kollektiven Rausch hochjubelt. In der Wuhlheide passiert genau das, was bei Rockkonzerten dieser Größenordnung gesetzmäßig ausgeschlossen ist: Band und Publikum korrespondieren plötzlich miteinander, das Geschehen auf der Bühne und auf den Rängen verschmilzt in einer einzigen Orgie aus Musik, Gesang, Geklatsche, Tanz Everybody s got a hungry heart. Jeder hier hat ein hungriges Herz. Die Luft ist heiß, der Rasen brennt, der Vollmond scheint und Hansa Rostock hat in der letzten Minute den Klassenerhalt geschafft: kurz gesagt, es ist Samstagnacht und an der Zeit, in die Dancingshoes zu schlüpfenNach einer halben Stunde, in der die E-Street-Band den legen wir uns fest besten Konzertstart aller Zeiten hingelegt hat, drosselt Bruce Springsteen das Tempo. Der Organist Danny Federici hängt sich das Akkordeon um, Nils Lofgren wechselt an die Steel-Guitar und gemeinsam mit seiner Ehefrau Patti Scialfa singt Bruce das countryeske "Mansion on the hill". Es ist schön, daß Patti mit auf Tour geht, und es dient sicher dem Familienfrieden. "The River" als Kunstlied Im folgenden "The River" bahnt sich zum ersten Mal ein Mißverständnis zwischen dem Künstler und einem Großteil seines Publikums an. Springsteen hat diesen Song völlig umarrangiert. Diese Geschichte einer verblühenden Liebe schwingt im Original von 1980 zwar relativ wehmütig, aber immerhin mitsingtauglich aus. Springsteen hat diesen Song, einen seiner größten überhaupt, nahezu dekonstruiert. Nach einem filigranen Saxophon-Intro von Clarence Clemons nimmt Springsteen die Melodie mit der Mundharmonika auf, Roy Bittan läßt seine Pianoläufe perlen. Flüsternd und wunderbar traurig dringt Springsteen in dieser kunstliedhaften Interpretation des Songs zum Kern der verlorenen Liebe vor. Das Publikum zerklatscht seine Bemühungen heftig. "Born in the USA" bringt er nicht in der unsäglichen Flaggen-Fassung, sondern in der originalen, verstörenden Rocka-billy-Version. Manch einer hat es nicht mal erkannt. Einmal Party, immer Party. Der Stimmungswechsel mißlingt grandios. Vor dem Finale bedankt sich Springsteen beim Publikum für dessen 25jährige Treue. "Wir haben eine Verabredung getroffen, euch zu dienen", sagt er und hatte in diesem Augenblick seine Zusage bereits eingelöst. Den Schluß wird man so bald nicht vergessen. Bei dem fragilen "If I should fall behind" treten die Mitglieder der Band einzeln aus der Nacht an das Mikrophon und singen abwechselnd im Spotlicht die Strophen des Songs. So wird es nie wieder.