Brüssel und vor allem die USA sind aber auf Moskaus Hilfe im Kampf gegen den Terror angewiesen: Wenig Begeisterung für Russlands Nato-Antrag

BRÜSSEL, 26. September. Wladimir Putin gab eine kurze, klare Antwort. Er sei durchaus bereit dazu, Verhandlungen über einen Beitritt Russlands zur Nato zu führen, sagte der russische Präsident. "Alles hängt davon ab, was angeboten wird." Und dann fügte er noch hinzu: "Es gibt keinen Grund mehr für den Westen, diese Gespräche nicht zu führen."Begeisterung bei der Nato löste Putin damit allerdings nicht aus. Die Verteidigungsminister der 19 Mitgliedsstaaten, die am Mittwoch in Brüssel zusammensaßen, hielten von dem russischen Vorstoß nichts. Denn jeder Nato-Staat hat bei allen Entscheidungen des Bündnisses ein Veto-Recht - als Mitglied der Allianz hätte Russland die Möglichkeit, jeden Beschluss zu blockieren, der nicht ins russische Konzept passt. So etwas wie der Kosovo-Krieg hätte unter diesen Umständen nie stattgefunden.Wunsch nach EinflussDieses Veto-Recht hat russische Politiker schon immer angezogen - Putin ist keineswegs der erste Moskauer Machthaber, der deswegen einen Nato-Beitritt ins Auge fasst. Der erste Versuch, das westliche Bündnis von innen zu sprengen, fand bereits Anfang der 50er-Jahre statt. Kurz nach Stalins Tod beantragte Nikita Chruschtschow in aller Form, die Sowjetunion in die erst wenige Jahre alte Allianz aufzunehmen. Die Antwort ist in knappen Worten in der Nato-Chronologie aufgeführt: "7. Mai 1954: Das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten lehnen das Beitrittsgesuch der UdSSR zum Nordatlantik-Pakt ab."Nach dieser öffentlichen Zurückweisung verzichtete die Sowjetunion auf weitere Anträge. Doch die Idee lebte fort. Nach dem Ende des Kalten Krieges brachte der russische Präsident Boris Jelzin den Vorschlag wieder auf. Er könne sich durchaus vorstellen, dass sein Land eines Tages der Nato beitreten werde, sagte Jelzin Mitte der 90er-Jahre. Die Antwort des Westens fiel höflicher aus als 40 Jahre früher, aber letztlich genauso klar: Eines Tages vielleicht - aber eines fernen Tages, hieß es damals.Auch die Verhandlungen des Jahres 1997 um die künftige Zusammenarbeit zwischen der Nato und Russland zeigten den Interessensgegensatz: Beide Seiten vereinbarten die Einrichtung eines gemeinsamen Ständigen Rates, um in einem weiten Spektrum von Sicherheitsfragen enger zusammenzuarbeiten. Doch russische Wünsche nach weiterreichenden Einflussmöglichkeiten lehnte die westliche Allianz rundheraus ab. Es komme nicht in Frage, Moskau ein Veto-Recht bei den Nato-Entscheidungen zu geben, erklärte der damalige Generalsekretär Javier Solana ganz unverblümt."Das fliegt uns um die Ohren"Doch jetzt hat sich die Lage geändert: Die Nato und zuallererst die Nato-Vormacht USA sind derzeit dringend auf die Hilfe Russlands angewiesen, um ihre Vergeltungsaktionen gegen Afghanistan vorzubereiten. Sogar die Anwesenheit von amerikanischen Soldaten in den früheren Sowjetrepubliken Zentralasiens will Putin zulassen - ein Zugeständnis, das bis vor kurzem undenkbar gewesen wäre.Dass die USA dafür allerdings einen politischen Preis bezahlen müssen, versteht sich von selber. Zunächst einmal kann Putin nun erwarten, dass die westliche Kritik an der brutalen russischen Kriegsführung in Tschetschenien verstummt. Doch darüber hinaus winken jetzt womöglich neue Mitspracherechte bei der Nato. "Was wäre denn, wenn Russland tatsächlich morgen einen Beitrittsantrag stellt", fragte ein Nato-Vertreter. "Nein können wir in der jetzigen Situation nicht sagen. Aber wenn wir Ja sagen, fliegt uns die Nato um die Ohren."Hilfe bei Konflikten // Wladimir Putin wollte sich am Mittwoch bei der Fortsetzung seines Deutschlandbesuchs in Nordrhein-Westfalen vor allem um die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Russland und Deutschland bemühen. Beinahe schien es, als wolle er die in seiner viel beachteten Rede am Dienstag vor dem deutschen Bundestag entworfenen Konzepte sofort in die Tat umsetzen.Der russische Präsident hatte unter anderem gesagt: "Niemand bezweifelt den großen Wert der Beziehungen Europas zu den Vereinigten Staaten. Aber ich bin der Meinung, dass Europa seinen Ruf als mächtiger und selbstständiger Mittelpunkt der Weltpolitik langfristig nur festigen wird, wenn es seine eigenen Möglichkeiten mit den russischen menschlichen, territorialen und Naturressourcen sowie mit den Wirtschafts-, Kultur- und Verteidigungspotenzialen Russlands vereinigen wird. " Für Notlagen hat Putin Deutschland bereits die Unterstützung der Energieversorgung zugesichert. "Im Fall von Konflikten sind wir bereit, zusätzliches Mineralöl zu liefern", sagte Putin am Mittwoch unter Beifall vor dem Deutsch-Russischen Forum in der Essener "Villa Hügel".DDP/KIRSTEN NEUMANN Landung in NRW: Wladimir Putin mit Wolfgang Clement auf dem Düsseldorfer Flughafen.