Bruno Dunst, Besitzer des Filmkunst-Studios Schlüter, feiert heute seinen 75. Geburstag: Mal Kartenabreißer, mal Karl Marx

Die Ausstattung des Schlüter-Kinos würde Multiplex-Betreibern ein herablassendes Lächeln entlocken: Geldkassette statt Computerkasse, Stühle mit spürbaren Federn statt weicher Plüschsessel, antiquierte Prolektoren und Verstärker statt aus.gefeiltem Dolby SR oder THX-System, Doch das Schlüter besitzt etwas, das man mit Geld nicht kaufen kann: Atmosphäre. Eines der ältesten Programmkinos Deutschlands verdankt seinen Charme, seine lebendigkeit, seine Originalität einzig einem Mann -- dem mit eben diesen Attributen ausgestatteten Besitzer Bruno Dunst, der heute seinen 75. Geburtstag feiert.Von der Ftlmauswahl bis zum Kartenabriß kümmert sich der Chef persönlich um alle Belange seines Lichtspielhauses. Bis vier Uhr früh sichtet Dunst im Wohnbüro neben dem Saal Verleihkataloge, führt Bestellungen aus, schreibt eigenhändig das Programm und rechnet ab. Der weißhaarige und -bärtige Juhi lar fühlt sich der Tradition des Programmkinos verpflichtet und zeigt oft die Kultfilme und Klassiker der gehobenen Kino-Unterhaltung. Aber nicht nur auf der Leinwand vertraut Dunst Altbewährtem, auch die Technik -- ein archaischer Schneidetisch und die monstrüsen Filmprojektoren von 1935 bzw. ,52 -- sind eigentlich museumsreif. Doch konnte der gelernte Kinomechaniker Dunst bislang jeden Defekt beheben.Den Regisseuren Thomas Brasch, Margarethe von Trotta und l-lelma Sanders-Brahms diente das gediegene Ambiente bereits als "Kino im Kino-Kulisse -- so wird im ,Schlüter" nicht nur Filmkunst projiziert, sondern auch gemacht. Oft ist Bruno Dunst mit von der Partie, unübertrefflich auch als Kartenabrelßer in einer TV-Serie mit Harald Juhnke.Ohnehin ist das Kino-Original am liebsten Schauspieler: Sein uriges Erscheinungsbild lieh er In kleinen Nebenrollen dem Kunstmaler wie Stadtstreicher sowie prominenten Bartträgern namens Karl Marx oder Sankt Nikolaus. Schon in der Stummfilmära faszinierten den Schüler Dunst die bewegten Bilder. Er lungerte auf dem Studlogelände, um als Statist allzeit bereit zu sein. Er zog mit den x Handkurbelprojektor durch die Nachbarschaft und erlernte sein Handwerk von der Pike auf. Während der schauspielerische Durchbruch ausbileb, wurden die "Du-Ton-Wanderlichtsplele" Im Nachkriegs-Berlin zum Begriff. 1962 tauschte er das mobile Kino gegen eine feste Spielstätte ein, Indem er das seit 1912 bestehende "Schlüter" vor dem gras. slerenden Kinosterben bewahrte. "Das Kino sollte Ausgangspunkt für all meine Aktivitäten sein, aber jetzt bleibt für nichts anderes mehr Zelt", murrt Dunst, der nichtsdestotrotz unermüdlich für den Erhalt des Filmkunst-Studios kämpft. Erst im Mai drohte eine horrende Mieterhöhung. Vorsorglich setzte Dunst am Stichtag "Cinema Paradlso" auf den Spielplan, die Geschichte vom Nie. dergang eines kleinen Kinos, das für seinen Besitzer sowohl Zuhause als auch Fenster zur Welt war. Doch noch ereilt Bruno Dunst dieses Schicksal nicht: Er kann auch nach dem 75. gemeinsam mit Gattin und getreuem Publikum seinen Lieblingsfilm im "Cinema Schlüter" anschauen. Elke BehleKino-Original Bruno Dunst bei der Arbeit. Foto: Janus