Bruno Madernas "Satyricon" in einer Produktion der Neuen Opernbühne Berlin in der Staatsbank: Hast du was, so giltst du was

Im Jahr 1973 war die Oper wieder einmal am Ende. Und ebenso der Traum von einer Rundumerneuerung der musikalischen Sprache, wie er die Nachkriegsmoderne geprägt hatte. Und, möglicherweise, auch die Hoffnung auf eine Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse. Das alles lässt sich ohne Gewalt in Bruno Madernas "Satyricon" hineinlesen. Das Endzeitliche, Resignative, das nicht als Melancholie des Unvermögens auftritt, sondern als grelle Farce, war der Abschied, den der bereits schwer kranke Komponist vom Musiktheater nahm. Nur acht Monate später starb Maderna, eine der prägenden musikalischen Figuren des postfaschistischen Italiens.Bruno Madernas Musik ist hier zu Lande wenig bekannt, und so ist es eine Leistung, dass die Neue Opernbühne Berlin das "Satyricon" in der Staatsbank aufführt. Am Mittwoch war Premiere, und wieder einmal haben sich die unabhängigen und dürftig subventionierten privaten Opernveranstalter in Berlin als nicht nur wagemutiger und engagierter erwiesen als die großen Apparate, sondern auch als sicherer im Einsatz der künstlerischen Mittel.Die Versuchung hätte ja nahe gelegen, das "Satyricon" in eine schrille Revue zu verwandeln, wie sie derzeit etwa an der Staatsoper ("Die Nase") oder an der Komischen Oper ("Der Vogelhändler") zu sehen sind. Im Gegensatz zu diesen Werken drängt nämlich Madernas Musiktheater tatsächlich zur Groteske, schildert doch seine Vorlage aus der spätantiken Satire des Gaius Petronius Arbiter das Fressgelage eines zu unerhörtem Reichtum gekommenen ehemaligen Sklaven. Und wenn man die eingangs zitierte Endzeitstimmung für ästhetische und politische Utopien als die Stunde der so genannten "Postmoderne" betrachten will, dann ist "Satyricon", in seiner wilden Zitatcollage aus Wagner, Offenbach, Gluck, Puccini e tutti quanti, wirklich ein postmodernes Manifest.An der Inszenierung von Alexander Paeffgen besticht, dass sie sich der Drastik von Stoff und Musik nicht einfach blind hingibt, sondern sie als dosiertes Kunstmittel deutlich macht. Trimalchio (Vernon Kirk) sein Weib, die Ex-Prostituierte Fortunata (Helena Köhne) und die anderen Mitwirkenden mögen schrille Figuren sein, aber sie werden nicht so weit der Lächerlichkeit preisgegeben, dass der Zuschauer sich überlegen dünken könnte. Fast meint man sie aus der guten Gesellschaft zu kennen, wie sie sich bei Berlins Hochkunst-Premieren präsentiert. Und der stumme Sklave, massig muskulös verkörpert von Mike Montana, ist sogar noch eine würdevolle Erscheinung, wenn er von Fortunata als Lustknabe gebraucht wird - eine klugerweise nur angedeutete Szene. Man nimmt es diesem Sklaven ab, dass er als Einziger bei dem inszenierten Begräbnis des Trimalchio ein Gefühlchen zeigt. Bei Petronius lauten übrigens Trimalchios "letzte" Worte: "Hast du was, so giltst du was."Die Sänger und das Orchester unter der Leitung von Sebastian Gottschick haben sich der Sache mit Ernst und Witz zugleich angenommen. Der Einsatz von Videos, einer Cheerleaderin, einer Balletttänzerin, eines Tubaspielers etc. stellt übrigens einen nicht unwillkommenen Verfremdungseffekt her. Bei der Premiere wurde dieser noch dadurch verstärkt, dass John Cogram, der Darsteller des Habinnas, die Partie des stimmlich erkrankten Vernon Kirk mitsang und ihm gewissermaßen die Worte in den Mund legte. Und so bleibt eigentlich nur zu tadeln, dass die Neue Opernbühne Berlin ein lebendes Huhn in einem Plexiglaswürfel auf die Bühne bringt. In Momenten der Stille war zu hören, wie es - tack, tack, tack - sich seinen Weg freizupicken versuchte. Man versteht die Symbolik, aber es ist doch schlecht gehandelt an der armen Kreatur.Weitere Aufführungen am 14.-16., 20.-22. Februar. Karten: 21 75 35 88.CLAUDIA ESCH-KENKEL Abgesang auf die Oper: Donna Lee, Mike Montana, hinter ihnen Maria Callas.