Bloß weg“ lautete in den späten 70er-Jahren die Devise beinahe einer ganzen Generation, die ihre provinzielle Herkunft so schnell wie möglich hinter sich lassen wollte. Heimat war ein von den Nazis verratener Begriff und Heimatgefühle eine illegitime Regung. Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt besangen, jeder auf seine Weise, den deutschen Sonntag als endlos gedehnte Zeit. Die Orte des Aufwachsens waren Horte der Langeweile, fast überall.

Wenn es nur das gewesen wäre. Der Journalist und Autor Thomas Medicus muss bei seiner unverhofften Wiederkehr in das idyllisch fränkische Städtchen Gunzenhausen die Entdeckung machen, dass auf dem Ort, dem er einst den Rücken kehrte, ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte lastet, das tief in seine eigene Familiengeschichte hineinragt. Am Palmsonntag 1934 fand in Gunzenhausen das erste große Nazi-Pogrom statt, zwei jüdische Bürger der Stadt wurden ermordet. Medicus’ Großvater stellte als örtlicher Amtsarzt die Totenscheine der beiden Opfer aus und wies als Todesursache Selbstmord aus. Die düsteren Jahre des Aufwachsens in der Nachkriegszeit waren in Gunzenhausen nicht nur von Langeweile geprägt, sondern von einem beharrlichen Schweigen über die grausame Tat.

Thomas Medicus kehrt dennoch nicht als unerbittlicher Rechercheur zurück. Die sorgfältige Rekonstruktion des Geschehens haben längst lokale Historiker vorgenommen. Es gibt sie tatsächlich, die bundesrepublikanische Aufarbeitung der Nazi-Gräuel, auch in Gunzenhausen.

Aber Gunzenhausen hielt lange Zeit noch ein anderes Geheimnis verborgen. Mit der Landung der Alliierten im Juni 1944 in der Normandie kam auch ein junger amerikanischer Soldat nach Deutschland, der Schriftsteller J. D. Salinger, der, so legt Medicus nahe, große Teile seines berühmten Romans „Der Fänger im Roggen“ während seiner Unterbringung in Gunzenhausen geschrieben hat. Doch Salinger ist alles andere als ein heroischer Befreier, den sein Tun zu literarischen Höhen treibt. Schwer traumatisiert von den Kriegserlebnissen, hatte Salinger zeitlebens mit Depressionen zu kämpfen. Thomas Medicus verwebt die beiden Stränge seiner Heimatsuche zu einer spannenden Geschichte, in der er kenntlich macht, wie sehr Schuld- und Traumaverarbeitung die Zeitläufte bestimmen, selbst wenn die dazugehörigen Ereignisse über lange Zeit unausgesprochen bleiben.

Die Heimatsuche treibt Medicus weit über die engen Grenzen Gunzenhausens hinaus. In den USA sucht er Nachfahren der Opfer des Pogroms auf, und er begibt sich nach Cornish, New Hampshire, wo Salinger viele Jahrzehnte zurückgezogen lebte. Zusammengenommen ergibt sich so eine Doppelerzählung, die zugleich die dichte Beschreibung einer historisch-biografischen Momentaufnahme ergibt, die schließlich die Wiederaneignung von Heimat wieder möglich macht.

Thomas Medicus: Heimat. Eine Suche. Rowohlt Berlin 2014, 285 S., 19,95 Euro