Bloß weg“ lautete in den späten 70er-Jahren die Devise beinahe einer ganzen Generation, die ihre provinzielle Herkunft so schnell wie möglich hinter sich lassen wollte. Heimat war ein von den Nazis verratener Begriff und Heimatgefühle eine illegitime Regung. Wolf Biermann und Franz-Josef Degenhardt besangen, jeder auf seine Weise, den deutschen Sonntag als endlos gedehnte Zeit. Die Orte des Aufwachsens waren Horte der Langeweile, fast überall.

Wenn es nur das gewesen wäre. Der Journalist und Autor Thomas Medicus muss bei seiner unverhofften Wiederkehr in das idyllisch fränkische Städtchen Gunzenhausen die Entdeckung machen, dass auf dem Ort, dem er einst den Rücken kehrte, ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte lastet, das tief in seine eigene Familiengeschichte hineinragt. Am Palmsonntag 1934 fand in Gunzenhausen das erste große Nazi-Pogrom statt, zwei jüdische Bürger der Stadt wurden ermordet. Medicus’ Großvater stellte als örtlicher Amtsarzt die Totenscheine der beiden Opfer aus und wies als Todesursache Selbstmord aus. Die düsteren Jahre des Aufwachsens in der Nachkriegszeit waren in Gunzenhausen nicht nur von Langeweile geprägt, sondern von einem beharrlichen Schweigen über die grausame Tat.

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