"Angeordnet: Schweigen" heißt ein Buch, das eine besonders tragische Episode des Zweiten Weltkrieges in Brandenburg beleuchtet. Geschildert wird ein Bombenangriff am 18. November 1943 auf Schloß Neugalow, bei dem 22 Menschen umkamen. Er war der einzige gezielte Abwurf auf ein Heim der sogenannten "Kinderlandverschickung". Mit Hilfe der Berliner Zeitung trafen sich die Überlebenden wieder.Den Bomben fielen zwölf Schülerinnen sowie drei Lehrkräfte der Berlin-Lichtenberger Mädchenmittelschule in der Nähe des Nöldnerplatzes zum Opfer. 17 weitere Schülerinnen erlitten schwere Verletzungen. Der Schock des völlig unerwarteten Angriffs saß auch bei den höchsten Staats- und Parteispitzen tief. Reichspropaganda-Minister Josef Goebbels persönlich verhängte sofort eine totale Nachrichtensperre, verhinderte das Erscheinen von Todesanzeigen und verbot, den Verletzten das ihnen eigentlich zustehende Verwundetenabzeichen auszuhändigen. Denn die Kinderlandverschickung galt als angeblich sicher. "Wir waren zu strenger Verschwiegenheit verpflichtet worden. Auch unsere Post wurde zensiert. Über den Vorfall Neugalow sollte nichts bekannt werden", erinnert sich die Zeitzeugin Irmgard Hofmann. Sie lebt heute bei Bamberg. "Bei der Wahl des Gutes Neugalow hat die für die Kinderlandverschickung verantwortliche HJ/NSDAP offensichtlich eine Gefährdung der Mädchen zumindest billigend in Kauf genommen", sagt sich heute der Berliner Journalist und uckermärkische Heimathistoriker Günther Ballentin. Ballentin, der gemeinsam mit zwei betroffenen Lichtenberger Schülerinnen die Chronik herausgab, vermutet, das Heim habe sogar der Tarnung eines der wichtigsten militärischen Objekte der Wehrmacht gedient. Denn nur zehn Kilometer von Neugalow entfernt habe sich in einem großen Tiefbunker bei Bölkendorf am Parsteiner See die zentrale U-Boot-Leitzentrale der Deutschen Kriegsmarine befunden. Ballentin hatte erstmals in der Berliner Zeitung vom 4./5. Dezember 1993 über die Neugalower Tragödie berichtet. Danach meldeten sich bei ihm fünfzehn Überlebende und dreizehn weitere Zeuginnen und Zeugen. "Wir erzählten uns alles." Die überlebenden "Lichtenberger Mädels", wie Ballentin die nun Mittsechziger Damen nennt, wohnen noch heute zumeist in diesem Bezirk oder in anderen Teilen Berlins. Andere verschlug die Nachkriegszeit bis in die Schweiz und England. Die Klassenkameradinnen trafen sich im Oktober 1994 und 1995. "Das beherrschende Gefühl und Gesprächsthema dort war natürlich Neugalow", erinnert sich Günther Ballentin. "Trotz 52jährigem Abstand ist und bleibt der Angriff das traumatische Erlebnis ihrer Jugend." In der Chronik erzählt etwa Martha Szymaniak, geborene Walter, Jahrgang 1928, wie sie um ihre Schwester Ruth trauerte. Diese begrub eine Luftmine, die einen Giebel des Schlosses zum Einsturz brachte, unter den Trümmern. Ihr Vater, Oberleutnant im Reichsluftfahrtministerium, setzte damals bei Parteikanzlei-Chef Martin Bormann durch, daß die zwölf getöteten Mädchen nicht wie ursprünglich geplant in einem anonymen Massengrab in Angermünde, sondern in Berlin beigesetzt wurden. Nach dem Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der Luftwaffenoffizier verhaftet, zum Gefreiten degradiert und an die Ostfront strafversetzt. Er geriet in sowjetische Kriegsgefangenschaft und starb 1947 dort. Die Chronik " Angeordnet: Schweigen" kann zum Preis von 42 Mark direkt beim KIRO-Verlag, Dammweg 4-5, 16303 Schwedt, Tel.: 033 32/41 73 15 bezogen werden. +++