Herr Goeudevert, war die Krise vorhersehbar?Eindeutig ja, sie war vermeidbar.Warum wurde das Vermeidbare nicht abgewendet?Der Internationale Währungsfonds hat 2007 mehrfach gewarnt vor dem Gebaren auf den Finanzmärkten. In dieser Phase gab es zwei Gipfeltreffen der acht wichtigsten Industrienationen. Das Problem wurde von den Staatschefs zur Kenntnis genommen, doch die Politiker konnten sich nicht auf ein entschlossenes Einschreiten einigen. Sie ließen die Finanzmärkte weiter ungezügelt agieren.Neben dem kollabierten Bankensystem ist die Krise durch einen dramatischen Zusammenbruch des Automobilmarktes gekennzeichnet. Ist diese Branche, in der Sie mehr als zwei Jahrzehnte als Manager unterwegs waren, ein Opfer der Finanzkrise?Das, was wir derzeit in der Automobilwirtschaft erleben, ist eine selbst gebastelte Krise. Alle Fehler und Versäumnisse der Hersteller in den zurückliegenden Jahrzehnten brechen durch die Finanzkrise jetzt ungeschminkt hervor. Ich bin deshalb auch strikt dagegen, dass der Staat bei Opel einsteigt.Wie würden Sie das gegenüber Opelanern begründen, die um ihren Job fürchten?Es ist offensichtlich, dass die Opel-Manager nicht alle Fäden in der Hand haben. Und so war Opel bisher auch nicht in der Lage, ein vernünftiges Konzept zum Überleben des Unternehmens vorzulegen. Die Chefs sitzen bei General Motors in Detroit. Dort sind die Fehler gemacht worden, deren Folgen jetzt die Existenz des Konzerns massiv bedrohen.Was ist schief gelaufen?Der Gigant General Motors hat seit Jahrzehnten alles falsch gemacht. Für Themen wie Umweltschutz und Sicherheit im Automobilbau waren die Amerikaner nicht ansprechbar. Ihre Devise lautete stets "big cars - big profit". Heute kaufen die Leute ihnen aber die "Spritfresser" nicht mehr ab. Sie wollen kleinere und sparsamere Autos, die General Motors aber nicht hat.Wie erklärt sich eine solche strategische Fehleinschätzung?Die Autoindustrie hat sich immer null um die Bedürfnisse der Menschen gekümmert. Neue Modelle wurden den Kunden mit riesigem Werbeaufwand aufoktroyiert. Wir brauchen aber nicht bessere Autos, wir brauchen andere Autos.Was ist ein anderes Auto?Es gibt darauf keine eindeutige Antwort. Eines aber ist klar, der bisherige erdölbasierte Treibstoff wird nicht von einem anderen abgelöst. Dieses Thema ist durch. Die Lösung heißt Vielfalt, in dem Sinne, unabhängig zu werden von einer Energiequelle. Bestes Beispiel ist der Hybrid-Antrieb. Der Hersteller Toyota hatte vor wenigen Jahren den Mut, dieses Konzept zur Marktreife zu führen. Was für mich nicht mehr überraschend kam. Ich habe bereits 1993 bei Ford versucht, ein Modell mit Hybrid-Antrieb auf den Markt zu bringen. Ohne Chance. Manchmal bestraft das Leben auch denjenigen, der zu früh kommt.Warum sind derartige Kurswechsel so schwer durchsetzbar?Wichtig ist der erste Schritt zur Veränderung. Der wird in der Regel durch drei Ereignisse ausgelöst. Es muss eine Katastrophe stattfinden. In den USA nahm sich die Bush-Administration des Umweltschutzes erst an, als New Orleans überschwemmt worden war. Oder der Staat greift ein, macht zum Beispiel technische Neuerungen wie den Katalysator zur Pflicht. Und drittens, die Konkurrenz treibt den Prozess voran, wie im Beispiel Toyota.Welche Konsequenzen und Schlüsse sind aus der aktuellen Katastrophe auf den Finanz- und Wirtschaftsmärkten zu ziehen?Ich hoffe, auch wenn es zynisch klingt, dass die Krise länger dauert. Sonst ist die Nachdenklichkeit zu schnell wieder dahin. Es bedarf vor allem einer Rückkehr zu moralischen Werten. Ohne diese gibt es in der Politik und in der Wirtschaft keinen Fortschritt. Jegliches Handeln muss wieder von einer Grundregel bestimmt sein: Alles, was man tut, muss man auch sein.Wo ist dabei in der Gesellschaft anzusetzen?Es wird Regulierungen geben müssen. Zum Beispiel sollten Manager-Gehälter gekürzt werden können, wenn ein Unternehmen nicht mehr erfolgreich wirtschaftet. Dabei kommt es nicht auf die Höhe des Salärs an, entscheidend ist die Signalwirkung. Zurzeit gehen aber von den Chefetagen viele falsche Signale aus. Es werden Abfindungen und Boni an Manager gezahlt, die milliardenschwere Verluste zu verantworten haben. Auf diesem Weg bleiben die Menschen verletzt, es bleibt das Problem des Verlustes an Vertrauen.Das Gespräch führte T. Schwandt.------------------------------Querdenker und VorreiterExperte: Daniel Goeudevert ist ein international anerkannter Autofachmann. Der 67-Jährige war Chef beim Autohersteller Ford Deutschland und saß danach im Vorstand der Volkswagen AG. Der Franzose wurde zwischenzeitlich auch als neuer Präsident des Automobilverbandes gehandelt.Vordenker: In den neunziger Jahren hatte Goeudevert in der Automobilbranche als Querdenker gegolten und ist nicht selten angeeckt. Seine ökologischen Autokonzepte hatte er allerdings nicht durchsetzen können. Inzwischen ist der Franzose ein erfolgreicher und streitbarer Buchautor geworden.------------------------------Foto (2) :Daniel Goeudevert, ehemaliger AutomanagerToyota-Fahrzeug mit Hybrid-Antrieb: Mit der frühen Markteinführung der Technologie erlangte der japanische Hersteller einen Wettbewerbsvorteil.