Ob wir Jean-Philippe Toussaint oder genauer: seinen Ich-Erzähler (fast immer erzählt bei ihm ein Ich) unbedingt nackt sehen möchten, kümmert ihn wenig. Ohne uns zu fragen, zieht er sich regelmäßig aus. Schon im ersten Satz seines ersten Buches „Das Badezimmer“ (1987) wurden wir vorgewarnt, da liegt er in der Wanne und lässt seinen Gedanken freien Lauf, „mal angekleidet, mal nackt“. Nackt ist man oft bei Toussaint, dramatisch nackt (wie auf dem Tokioter Nachtausflug in „Sich lieben“), komisch nackt (wie am Halensee vor dem damaligen Leiter des Berliner DAAD-Künstlerprogramms in „Fernsehen“) oder natürlich nackt (bei der Liebe in „Die Wahrheit über Marie“). Sein neuester Roman heißt sogar „Nackt“. Es ist der vierte und letzte seiner Tetralogie über Marie.

Toussaint, 1957 in Brüssel geboren, er wohnt da auch, ist vom Nouveau roman beeinflusst, von dessen Form man so einiges bei ihm findet: detailversessene Beschreibungen, keine Psychologie und einen kühlen Blick auf die Ereignisse. Allerdings liefert er eine sehr viel unterhaltsamere Version des Nouveau roman. Seine Antihelden meistern mit Galgenhumor und geschmeidigem Rückzug das Leben und zermürben die Realität durch sanfte Hartnäckigkeit. Und sie erleben rasante, urkomische, unglaubliche Geschichten, am schönsten vielleicht im Roman „Der Photoapparat“ (1991); ein französischer Kritiker nannte die frühen Bücher „die Fortsetzung der Filme Tatis mit verbalen Mitteln“.

Marie - die widersprüchliche Geliebte

Mit dem Roman „Sich lieben“ (2003) beginnt eine neue, etwas ernstere Etappe in Toussaints Werk, es ist der Auftakt der nun vollendeten Tetralogie. Ein Liebesroman, sicher, aber dazu gehört nun mal auch die Trennung. Die so verführerische wie rätselhafte Marie Madeleine Marguerite de Montalte hält Einzug in Toussaints Werk – ach, unerschöpflicher Marienstoff! Seine Marie ist keine Himmelsmutter, keine Hure, sie ist Geliebte, eine widersprüchliche dazu. Dass der Name ein Anagramm von „aimer“, „lieben“, ist, verriet der Renaissance-Dichter Ronsard 1560: „Marie, will ich den Namen anders fügen,/find ich „aimer“: So lieb mich doch, Marie!“ (in Georg Holzers Übersetzung bei Elfenbein, Berlin 2010). Jedenfalls ist Marie eine Frau, die im wahrsten Sinne fesselnd ist, eine exzentrische, auch zickige Modeschöpferin, der Ich-Erzähler kommt nicht von ihr los. Hier stehen also Liebe und Trennung im Mittelpunkt und die schlimme Leere danach. Und die Unmöglichkeit der Trennung. Hier leidet einer wirklich, er leidet auch an seinen scheinbar melancholischen, aber eigentlich überstürzten Handlungen.

Die nächsten beiden Marie-Romane heißen „Fliehen“ (2007) und „Die Wahrheit über Marie“ (2011), in denen wir dramatische Szenerien, symbolträchtige Naturereignisse und Wetterlagen erleben. Auch das ist anders als in Toussaints früheren Romanen, wo Dramatik eher vermieden wurde. 1993 hat er im Gespräch gesagt, es sei „besser, etwas Uninteressantes brillant und klug zu erzählen als etwas Interessantes dumm und schwerfällig“. Nun zeigt er, dass er auch das Interessante oder eben Dramatische brillant erzählen kann. Und immer im Zentrum diese zwei Menschen, die sich nicht trennen können, weil sie es offenbar nicht wollen. Marie schläft mit ihrem Liebhaber Jean-Christophe de G., den sie in Tokio kennenlernte, der Mann bricht zusammen, Marie ruft den Krankenwagen, ein hektisch-furioses Ballett von Ärzten, Helfern, Spritzen, Defibrillatoren setzt ein, der Liebhaber wird abtransportiert. Zugleich ruft die verzweifelte, eben launische Marie auch ihren Ex an, den Ich-Erzähler, er eilt zu ihr, trotz Gewitters, Wolkenbruchs. Sie ist nur notdürftig bekleidet und er bald auch, er ist ja bis auf die Haut durchnässt. Und ist mal wieder nackt.

Das Wesen der Wirklichkeit

Jetzt, im vierten Buch über Marie, ist das Nacktsein Ausdruck völliger Harmonie mit der Natur. Gern bewegt sich Marie, wie Gott sie schuf, durch ihr Haus und ihren Garten auf Elba oder im angrenzenden Meer, bewundert mal von Schmetterlingen, mal aufgeregten Fischlein, die hinter ihr her zappeln, und natürlich vom Ich-Erzähler, der ihr zumindest einen Hut empfiehlt; die Nacktheit ist „der Beweis ihrer wesensgleichen Übereinstimmung mit der Welt“. Dabei hätte sie das Entkleiden gar nicht nötig, da sie diese Selbstverständlichkeit und Harmonie auch angezogen besitzt, sie scheint „immer wie nackt auf der Oberfläche der Welt entlangzuspazieren“.

Dass das Nacktsein natürlich auch Schutzlosigkeit bedeutet, wird in einer etwas überraschenden, ziemlich drastischen Anfangsszene demonstriert. Marie, die Modeschöpferin, die nicht nur souverän, sondern auch leichtfertig sein kann, schneidert einem Mannequin ein Kleid im wahrsten Sinne auf den Leib: Nur mit Honig überzogen stelzt das junge Mädchen über den Laufsteg, verfolgt von einem Bienenschwarm, der gnadenlos über es herfällt, als es versehentlich umknickt.

Toussaint hat schon früher kleine poetologische Spuren ausgelegt. Doch in seinen ersten Büchern ging es ihm noch darum, die Wirklichkeit zu zermürben. Jetzt im Marie-Zyklus nimmt er die Wirklichkeit an und beschäftigt sich mit ihrem Wesen. Was ist wirklich, was ist wahr? Die „ideale Wahrheit ist ein Zwilling der Lüge“, heißt es irgendwo. In „Nackt“ nun äußert sich Toussaint ungewöhnlich deutlich zu poetologischen Fragen. Wie dieses Honigkleid will Toussaint seine Texte: so schwerelos und dem Körper möglichst nah und so durchgearbeitet und schließlich doch offen – manchmal eben gefährlich offen – für alle Zufälle, Fügungen und Eigenarten des Lebens. Das Unvorhergesehene wird zum eigentlich Lebenswerten unseres Daseins: „Und da wurde mir bewusst, dass ich alles, was ich in meinem Leben an Wichtigem erlebt, immer in meiner Vorstellung in Bilder verwandelt habe und ich ursprünglich nebensächliche Szenen, die zunächst prosaisch, neutral oder zufällig hätten erscheinen können, solange sie im wirklichen Leben verortet blieben, in dem sie stattfanden, in meinem Geist wieder aufgriff, sie zersetzte, überarbeitete und so lange wiederkäute, bis nach und nach ein neuer Stoff entstand, den ich in meinen Händen modellierte, um ihn ans Tageslicht zu bringen, um ein völlig neues Bild zu erzeugen, an dem sowohl die Erinnerung wie auch das Gefühl mitwirkten, das Gedächtnis wie auch die Empfindsamkeit.“

Das Unvorhergesehene, so bearbeitet, beherrscht beide Hauptteile von „Nackt“. Im ersten werden wir noch einmal nach Japan versetzt und erfahren, wie Marie dort ihren Liebhaber Jean-Christophe de G. (der dann in Paris zusammenbricht) auf der Vernissage ihrer Ausstellung kennenlernt. Auch das geht wie immer in Toussaints Zufallsuniversum nicht ohne kleine burleske Umwege vor sich: dieser kommende Liebhaber erobert nämlich zunächst eine falsche Marie (alle interessanten Damen heißen hier Marie). Der Ich-Erzähler beobachtet alles von ganz oben durch eine Lichtkuppel, ohne eingreifen zu können: wie ein Gott ohne Allmacht (auch das ein poetologischer Fingerzeig, ein Bild des Toussaint’schen Autors).

Zukunft ja, aber keine Harmonie

Im zweiten Teil geht es wieder nach Elba, diesmal nur für eine, aber entscheidende Nacht. Kurz vorher hatten sie sich in einem Pariser Café getroffen, Marie hatte ihm etwas zu sagen: Der Verwalter des Anwesens auf Elba, das Marie durch den Tod ihres Vaters geerbt hat, sei gestorben. Sie fahren beide zum Begräbnis. Es gibt aber noch eine wichtigere Nachricht, die der Ich-Erzähler freilich erst auf Elba erfährt. Auch diese hat mit dem eigentlich Lebenswerten unseres Daseins zu tun: der unvorhergesehenen Fügung.

Der Schluss ist offen, nur konsequent. Das Buch – und die Geschichte über Marie – endet mit dem überrascht geflüsterten Ausruf „Aber du liebst mich ja?“ (ein Ausrufezeichen wäre vielleicht deutlicher gewesen!). Eine harmonische Zukunft verspricht das nicht. Aber doch eine Zukunft. Die beiden werden nicht voneinander loskommen. Toussaint macht Schluss, aber nur mit dem Romanzyklus, nicht mit Marie. Vielleicht ist diese charmante Tetralogie, die wie beiläufig erzählt und doch so gewichtig und mit allen Wassern gewaschen ist und die alles ermöglicht: Komödiantisches und Kosmisches, Melancholisches und Mondänes (wie ein englischer Kritiker ungefähr schrieb) – vielleicht ist diese Tetralogie so charmant und gewichtig, weil sie eine Liebeserklärung Toussaints an seine Frau Madeleine ist; so lautet ja der zweite Vorname seiner Heldin Marie.

Jean-Philippe Toussaint: Nackt. Aus dem Französischen von Joachim Unseld. Frankfurter Verlagsanstalt 2014, 158 S., 19,90 Euro.

Jean-Philippe Toussaint liest aus „Nackt“ am Dienstag, 28. Oktober 2014 um 19 Uhr im Institut Français, Salle Boris Vian, Kurfürstendamm 211, 10719 Berlin.