Vierhundert Jahre lang versuchte der Vatikan das europäische Schrifttum zu kontrollieren - mit mäßigem Erfolg. Dafür nutzte er die Indexkongregation, deren Arbeit das Forschungsprojekt"Römische Inquisition und Indexkongregation" untersucht. Das Projekt leitet Hubert Wolf, 50, Kirchenhistoriker in Münster.Was hält man denn im Vatikan von Ihrem Unternehmen?Typisch deutsch, heißt es. Wer sonst, sagt man, käme auf die Idee, die Buchzensur der Römischen Kurie zwischen 1542 und 1966 vollständig zu erfassen? Alle Plakate, auf denen die Urteile veröffentlicht und an römischen Kirchentüren ausgehängt wurden, alle Protokolle, Gutachten und ein Verzeichnis aller jemals zensierten Bücher, aller Mitarbeiter der Zensurbehörde in ihrer vierhundertjährigen Geschichte. Inklusive Lebensgeschichte und eigener Werke. Dazu Register, die es jedem - Juristen, Medizinern, Karl May-Liebhabern - mit einem Griff ermöglichen festzustellen, ob und wer aus ihrem Fach, zu ihrem Thema je von der Zensur des Vatikans betroffen war. Es ist sehr ehrgeizig, dieses Projekt in zwölf Jahren zu bewältigen, wie wir es machen.Wie kamen Sie auf das Thema?Meine erste theologische Arbeit beschäftigte sich mit dem Inquisitionsfall Johannes von Kuhn (1806-1887). Kuhn hatte aber seinen Nachlass verbrannt. Man konnte also nichts über den Mann schreiben. Dann fand ich zufällig in einem Adelsarchiv vierhundert Briefe von ihm. Die Inquisitionsakten aber durfte ich nicht sehen. Benedikt XVI., damals noch Joseph Kardinal Ratzinger und Chef der Glaubenskongregation, damit zuständig für deren Archiv, hat mir den Zugang leider zunächst nicht gestattet. Das aber reizte mich gerade. Ich konnte den Prozess dann ohne Einsicht in die Hauptakten rekonstruieren. Denn ich fand in den Nachlässen der an den Prozessen gegen Johannes von Kuhn Beteiligten die Entwürfe ihrer Voten. Das war ein ordentliches Stück Arbeit in Archiven in ganz Europa. Aber es klappte. Walter Kardinal Kasper, damals noch Professor in Tübingen, war von meiner Arbeit beeindruckt und reichte sie weiter an Joseph Kardinal Ratzinger. Der teilte mir mit, dass der Heilige Vater beschlossen habe, mir einen generellen Zugang zu den Inquisitionsakten zu gewähren. Das war 1992. Offiziell wurde das Archiv erst 1998 geöffnet. Ich hatte also einen gewaltigen Vorsprung.Der erste Index des Jahres 1559 basierte nicht auf der Lektüre der Werke, sondern auf Zusammenfassungen.Man setzte Regeln fest, die es erlaubten, die guten von den schlechten Büchern zu unterscheiden. Aber dann merkte man, dass man trotzdem Einzelverbote brauchte. So entstand die Indexkongregation. Dann wurden Bücher verboten, weil sie an einem "häretischen" Ort gedruckt worden waren. Die in Basel gedruckte Edition der Schriften der Kirchenväter zum Beispiel. Eine gute Ausgabe, aber mit "häretischer" Einleitung, mit "häretischen" Kommentaren. Also kam man auf die Idee der sogenannten Expurgation, der "Säuberung" an sich für gut befundener Bücher von anstößigen Passagen. Das war die ursprüngliche Aufgabe der Indexkongregation. Das Häretische sollte ausgemerzt, das Gute behalten werden. Das scheiterte gewaltig! Es erschien überhaupt nur ein einziges Mal ein Index librorum purgandorum, ein "Index der zu säubernden Bücher". Im Wesentlichen aber zielte der Index nicht auf den Autor, sondern auf den Leser. Er drohte ihm Strafen an, wenn er die indizierten Werke las. Solange es Handschriften gab, wurden die nicht genehmen Handschriften verbrannt. Beim Buchdruck war das allenfalls eine symbolische Aktion. Man konnte tausend Exemplare verbrennen. Dann wurden zehntausend nachgedruckt. Also ging es jetzt darum, das Brennen in den Kopf zu verlegen. So hieß es: "Du wirst in der Hölle brennen, wenn Du dieses Buch liest."Nahezu keine Rolle spielt im Index die Libertinage, die erotische Literatur des 18. Jahrhunderts. Das hat mich verblüfft.Da alle unzüchtigen Schriften sowieso verboten sind, muss man sie nicht noch einmal im Index aufzählen. Da genügt die allgemeine Regel. Spannender ist die Frage: Wo sind die Naturwissenschaftler? Im Index stehen fast keine Naturwissenschaftler. Auch im 19. Jahrhundert: Charles Darwin steht nicht im Index. Wir sind völlig fixiert auf den Fall Galileo Galilei. Aber das ist eine große Ausnahme. Zunächst wurde ja nicht Galileo verurteilt, sondern Paolo Antonio Foscarini, ein Theologe. Er zog aus dem heliozentrischen Weltbild Galileis seine theologischen Schlüsse: Wenn schon die Kosmologie der Bibel nicht stimmt, dann könnte es auch an anderen Stellen Fehler geben.Da wurde dann interveniert?An der Irrtumslosigkeit der Bibel musste festgehalten werden. Wenn ein Astronom dagegen sagte: Die Erde steht in Wahrheit im Zentrum, aber meine Berechnungen werden erheblich erleichtert, wenn ich die Sonne in die Mitte rücke - dann passierte ihm nichts. Solange es sich um Hypothesen handelte, wurden keine Alternativen zum biblischen Weltbild in die Debatte geworfen. Unser kollektives Gedächtnis trügt: Die Kirche hat - von Ausnahmen abgesehen - die Naturwissenschaften nicht verfolgt. Sie hat sich gegen konkurrierende Weltbilder gewehrt.Der Katholik hatte aber die Ergebnisse der Naturwissenschaften als Hypothesen zu nehmen und die Heilige Schrift als wahr?Es hat lange gedauert, bis die Kirche Wege fand, angemessen mit den Herausforderungen durch die Methoden und Erkenntnisse der neuzeitlichen Wissenschaft umzugehen. Es gab aber im Christentum von Anfang an Diskussionen darüber, worin die Wahrheit der Heiligen Schrift besteht. Vor ähnlichen Herausforderungen steht derzeit der Islam. Wie schwer haben es die Koranexegeten, die den Text nicht einfach nur zitieren, sondern zeigen wollen, dass der Koran zwar Gottes Wort ist, aber eben aus Menschenmund! Also muss er philologisch, historisch-kritisch gelesen werden.Auf die Frage, warum 1966 Schluss gemacht wurde mit dem Index, hat ein Theologe einmal grinsend gesagt: Es wurden einfach zu viele Bücher.Das war den klugen Leuten in der Indexkommission von Anfang an klar. Totalkontrolle funktioniert nicht. Darum ändert sich ja die Aufgabe des Index. Zunächst war er als Waffe im Kampf gegen den Protestantismus gedacht. Dann träumte man davon, alles Wissen und seine Verbreitung - so weit es die sana doctrina berührt - kontrollieren zu können, und endlich richtete sich die römische Buchzensur vor allem gegen Katholiken, die vom richtigen Weg abwichen.Sind Sie Priester?Ja, und für mich ist es selbstverständlich, so oft wie möglich Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Beerdigungen, in Münster, bei Freunden oder am liebsten in meiner schwäbischen Heimat zu halten.Wir denken oft, die Zensur wäre die Ausnahme...Bis in die jüngste Geschichte hinein gehörte es zu den selbstverständlichen Aufgaben des Staates, die Menschen vor Schaden zu bewahren, gerade vor moralischem Schaden. Daraus leitete der Staat sein Recht ab, alle Lebensbereiche zu kontrollieren. Dazu gehörte immer auch die Kontrolle über die Kommunikation und die Kommunikationsmittel. Immer. Also auch heute. Nehmen Sie das Internet. Eine Zeitlang haben wir uns in der Devise gesonnt: Eine Zensur findet nicht statt. Aber natürlich ist es illegal, Kinderpornos oder Anleitungen zum Bau einer Atombombe ins Internet zu stellen. Zum Glück. 1571 wusste man schon, dass man die Bücherflut nicht zensieren kann.Kann man das Internet zensieren?Die Abschaffung des Index geschah, als man sich von dem Menschenbild verabschiedete, dass der Christ auf dem Weg zu seinem Seelenheil der Führung durch seine Kirche bedarf. Der Christ galt als mündig. Er bedarf keines Vormundes. Viele Teilnehmer des Zweiten Vatikanischen Konzils waren geradezu berauscht von dieser Fortschrittsvision. Wenn man dieses Bild hat, dann braucht man keine Kontrollen. Dann setzen Vernunft und Argument sich durch. Ich glaube, dass das leider nicht in jeder Hinsicht so ist. Das alles entscheidende Argument ist nicht immer das vernünftigste. Aber: Man konnte nicht einmal ein so kleines Medium wie den Buchmarkt kontrollieren. Wie will man das mit dem Internet tun? Das ist aussichtslos. Das zeigt die Entwicklung der erfahrensten Zensurbehörde der Geschichte.Das Gespräch führte Arno Widmann.-----------------------Unter www.buchzensur.de findet man Informationen zum Stand der Arbeiten.------------------------------Foto: Gewaltige Schätze: der Lesesaal in der apostolischen Bibliothek des Vatikans.Foto: Hubert Wolf, Kirchenhistoriker