Die Politik bringt mitunter merkwürdige Phänomene hervor: Menschen können sehr verkatert wirken, ohne zuvor überhaupt einen Rausch gehabt zu haben.

Montagnachmittag in Berlin: Auf einem Podium stehen die beiden Grünen-Chefs Claudia Roth und Cem Özdemir sowie die Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin. Die Partei wollte mit den Sozialdemokraten wieder die Macht im Land erobern und zur dritten Kraft im Parlament aufsteigen. Das ging gründlich schief. Der Wahlabend zuvor war eine Katastrophe. Nun steht das Führungspersonal da und macht lange Gesichter. Niemand weiß so recht, wie es weitergehen soll. Die Frontleute versprechen eine intensive Debatte über die Gründe der Niederlage. Alle sollen daran beteiligt werden. Ein Neustart muss her. Aber wie der aussehen soll, mag niemand sagen.

Claudia Roth berichtet, dass nach der Niederlage der gesamte Bundesvorstand seinen Rücktritt angeboten habe. Auf einem Parteitag im Herbst sollen die Delegierten ein neues Führungsgremium wählen. Wer bisher Vorstandsmitglied war, kann sich wieder bewerben. „Das ist uns wichtig als Signal in die Partei hinein.“ Der genaue Termin für das Delegiertentreffen müsse noch festgelegt werden. Auch der Parteirat, dem Vertreter aus den Ländern und Kommunen angehören, solle geschlossen zurücktreten und sich einer Neuwahl stellen. Es sieht so aus, als übernähme der Vorstand aus freien Stücken die Verantwortung für das Wahldebakel und mache den Weg frei für junge, unverbrauchte Figuren. Davon gibt es reichlich bei den Grünen.

Doch die Ankündigung ist gar nicht so spektakulär, wie sie auf den ersten Blick aussieht: Im Führungsgremium der Partei stehen ohnehin größere Veränderungen an. Sechs Mitglieder hat der Bundesvorstand. Die Satzung schreibt vor, dass höchstens zwei von ihnen ein Parlamentsmandat innehaben dürfen. In der neuen Legislaturperiode werden vier Vorständler gleichzeitig Abgeordnete sein. Özdemir und Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke ziehen neu in den Bundestag ein. Roth saß dort bisher schon, die frauenpolitische Sprecherin Astrid Rothe-Beinlich ist Mitglied des Thüringer Landtags. Seit geraumer Zeit schon war deshalb geplant, in diesem Herbst den Vorstand umzubauen.

Die Ankündigung des kollektiven Rücktritts dient jetzt dazu, Druck vom Führungspersonal zu nehmen. Der wird stetig größer. Der Ärger richtet sich insbesondere gegen Spitzenkandidat Jürgen Trittin. Er gilt als Architekt des unpopulären Steuerkonzepts, das den Grünen viele Sympathien bei den Wählern gekostet hat. Der bayerische Landeschef Dieter Janecek sagt am Montag: „Wir brauchen einen Neuanfang, nicht nur inhaltlich, auch personell.“ Ein anderer Abgeordneter sagt hinter vorgehaltener Hand: „Es kann sich kein Mensch vorstellen, dass Trittin noch einmal weitermachen darf.“

Als Trittin gefragt wird, ob er sich noch einmal für den Vorsitz bewerben wolle, weicht er aus. Er sagt, dass sich die neue Fraktion am Dienstag erstmals treffen und die Situation analysieren werde. „Ich möchte den Diskussionen der neu gewählten und wiedergewählten Abgeordneten nicht vorgreifen.“ Auch Göring-Eckardt, die bislang Vize-Präsidentin des Bundestages war, mag nicht sagen, ob sie sich für einen der beiden Vorsitzenden-Posten in der Fraktion bewirbt.

Hinter den Kulissen jedoch laufen längst Planspiele, wie Trittin und Göring-Eckardt verhindert werden können. Trittin, der im kommenden Jahr 60 wird, gehört dem linken Parteiflügel an. Seinen Job könnte der Verkehrspolitiker Anton Hofreiter übernehmen oder der Finanzexperte Gerhard Schick. Beide sind Anfang 40, stehen für eine neue Generation grüner Politiker.

Bei den Realos gilt es als ausgemacht, dass die amtierende Co-Fraktionschefin Renate Künast (57) weichen muss. Um ihre Nachfolge streiten sich Göring-Eckardt (47) und die Wirtschafts-Expertin Kerstin Andreae (44). Özdemir sagt am Montag, dass er Parteivorsitzender bleiben möchte. Er will bei der Neuwahl des Vorstands also noch einmal antreten. Die Satzung schließt aus, dass er gleichzeitig den Fraktionsvorsitz übernimmt. Claudia Roth lässt offen, was sie vorhat. Auch sie hat viele Gegner in der Partei. Der Parlamentarische Geschäftsführer Volker Beck macht am Montag von sich aus den Weg frei und kündigt an, nicht noch einmal für diesen Posten zu kandidieren.

Und dann ist da noch die große Frage, wie es die Grünen eigentlich mit der Union und Angela Merkel halten wollen. Die braucht bekanntermaßen einen Koalitionspartner. Ausgeschlossen haben die Grünen ein Zusammengehen mit CDU/CSU im Wahlkampf nicht. Stattdessen stellten sie immer nur heraus, dass es wenige inhaltliche Überschneidungen gebe. An der Basis ist bereits eine heftige Debatte darüber entbrannt, ob man es nicht vielleicht doch mit den Schwarzen versuchen sollte. Vor allem baden-württembergischen Realos sind wie immer dafür, die Linken dagegen.

Also machen es die Grünen erst einmal wie die SPD: Sie lehnen sich zurück und sagen, dass Merkel am Zuge sei. Selbstverständlich werde man zu Sondierungsgesprächen mit der Union gehen, wenn die denn dazu einlade, sagt Roth. Dabei komme es jedoch nicht auf numerische Mehrheiten an, sondern auf inhaltliche Fragen. Die Führungsriege weiß, dass der Parteibasis ein Bündnis mit den Konservativen nur schwer zu vermitteln wäre. Der nordrhein-westfälische Landeschef Sven Lehmann sagt: „Eines steht fest: Die Grünen werden nicht die dritte Partei sein, die Angela Merkel ins Koma regiert.“