In den Wohnungen einiger DDR-Bürgerrechtler stehen in den letzten Wochen Telefone und Faxgeräte nicht mehr still. Seit der Trägerverein des "Bürgerbüros" am 17. Juni nach langer Debatte unter großer Medienaufmerksamkeit gegründet wurde, wenden sich täglich bis zu 50 Ex-DDR-Bürger an die vorläufigen Kontaktadressen, einige hundert Anfragen liegen bereits vor. Dabei wird es ein arbeitsfähiges Büro erst im September geben. Trotzdem nehmen die Gründer wie Jürgen Fuchs, Angelika Barbe und Vera Lengsfeld die eingehenden Anfragen und Hilfeersuchen bereits entgegen. Der Verein, unterstützt von Politprominenz wie Rudolf Scharping und Bundeskanzler Kohl, hatte bei Gründung Hilfe für die Opfer des SED-Regimes versprochen, die trotz "Unrechtsbereinigungsgesetz", Rehabilitierungsgericht, Enquetekommission und Gauck-Behörde mit den Folgen jahrelanger politischer Drangsalierung in der DDR nicht fertig werden - und die heute, wie Gründerin Bärbel Bohley sagt, "immer noch unter der Macht alter Seilschaften leiden". Schon die bis jetzt eingegangenen Fälle zeigen, wie schwierig es heute ist, damals begangenes Unrecht wieder gutzumachen:So kann ein ehemaliger politischer Häftling nicht verstehen, daß die Haftzeit, die er im MfS-Haftkrankenhaus Leipzig verbracht hat, in der Bundesrepublik nicht als Haft anerkannt wird. Nach endlosen, scharfen Verhören im Gefängnis war er zusammengebrochen und hatte einen Selbstmordversuch unternommen. Nun hält er die Entscheidung eines bundesdeutschen Gerichts in der Hand, nach der seine Haft im Stasi-Krankenhaus, verursacht durch die Stasi, auf dem Gelände des Stasi-Gefängnisses, keine Haft gewesen sein soll. Sein Hinweis, daß die Ärzte dort Offiziere des MfS waren, die vielfach den Vernehmern zuarbeiteten, blieb ebenfalls unberücksichtigt. Ein weiteres Problemfeld stellen die Rentenberechnungen für ehemals politisch Verfolgte dar. Sie erhalten von der BfA nur eine geminderte vorläufige Rente, eine individuell berechnete, angemessene Rente wird mit dem Hinweis auf die noch ausstehende Rehabilitierungsbescheinigung, deren Erteilung Jahre dauern kann, nicht gezahlt.Viele Betroffene, berichtet Jürgen Fuchs, beklagen neue Ungerechtigkeit durch das "gut funktionierende Hilfesystem für die alten SED-Kader". Aus allen Regionen der Ex-DDR schilderten Bürger, "wie sich die ehemaligen Parteifunktionäre heutzutage die Posten zuschieben", so Fuchs. Vielfach hätten ehemalige Mitarbeiter des SED-Apparates private Firmen gegründet oder übernommen; bei Entlassungen durch die neuen Arbeitgeber müßten zuerst jene gehen, die vor der Wende als "kritisch" bekannt waren. Zahlreiche Briefe an das Bürgerbüro kommen von Menschen, die vom MfS "operativ bearbeitet und zersetzt" wurden. Sie haben zwar inzwischen die über sie angelegten Akten gelesen, kennen die Klarnamen der Spitzel. Doch die IM, zur Rede gestellt, drehen den Spieß vielfach um. Sie streiten trotz handgeschriebener Verpflichtung und Berichten alles ab und strengen Verleumdungsklagen an. "Die Opfer geraten in neue Bedrängnis und fühlen sich nicht selten genauso ausgeliefert wie vor 1989", kommentiert Jürgen Fuchs. Die "Verleumdung" eines IM sei für die heutige Justiz in Paragraphen greifbar, meint Fuchs, die jahrelange "Zersetzung" durch das MfS finde sich dagegen nicht als Straftatbestand im Gesetzbuch. All jene, die sich an das Bürgerbüro wenden, sollen "jetzt zunächst einen Zwischenbescheid erhalten", sagt Mitbegründerin Angelika Barbe. Der Verein Bürgerbüro berät sie, an welche Institutionen sie sich wenden können, welche Bescheinigungen nötig sind, welche Fristen einzuhalten sind, Kontakte werden vermittelt. Die Erwartung vieler Betroffener, ein starkes Bürgerbüro mit bekannten Namen werde in Kürze alles für sie regeln, wird sich indes wohl kaum erfüllen, und dies ist auch nicht vorgesehen. Jürgen Fuchs spricht von Hilfe zur Selbsthilfe und will zur Selbstorganisation der Betroffenen ermutigen. Das sei die eigentliche Aufgabe des Vereins. +++