Die Kanzlerin könnte sich auch selber fragen: Was ist Lebensqualität? Wichtige Entscheidungen treffen, der Promi-Status, freundliche Worte des US-Präsidenten, ein verregneter Osterurlaub, mal ein paar Stunden politikfrei? Oder Sigmar Gabriel: die Tochter von der Kita abholen, sich an der Parteispitze halten, ein Sieg beim Tennisspiel oder noch ein Betriebsbesuch als Minister? Mag sein, dass die Kanzlerin und ihr Vizekanzler ein bisschen Persönliches beitragen, wenn sie an diesem Montag einen „Bürgerdialog“ veranstalten. Man trifft sich im Gasometer in Berlin-Schöneberg, aus dem Günther Jauch sonntags seine Talkshow sendet. Titel der Merkel-Gabriel-Sendung, pardon, der Veranstaltung ist: „Gut leben“. Das Publikum soll Stellung nehmen zu den Fragen wie „Was ist Lebensqualität?“ und „Was ist besonders wichtig für mich?“

Reaktion auf Politikverdrossenheit

Mit Sicherheit könnte die Antworten auch ein Umfrageinstitut herausfinden. Aber es sind die Zeiten von niedriger Wahlbeteiligung und Politikverdrossenheit, von Pegida-Demonstranten, die auf wirklichkeitsferne Politiker schimpfen.

Merkel und Gabriel wollen die Umfrage also selbst in die Hand nehmen. Aktionsplan „Gut Leben“ nennt sich das im Koalitionsvertrag. Herauskommen soll ein Lebensqualitäts-Begriff, der sich nicht nur am Bruttoinlandsprodukt orientiert, an wirtschaftlichen Faktoren also. Umweltverträglichkeit, Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sozialer Zusammenhalt, kann man sich in der Regierung als weitere Kriterien vorstellen. Die Bundesregierung, so könnte man es auch sagen, sucht das Glück.

Und dabei sollen Bürger helfen. Auf der Homepage www.gut-leben-in-deutschland.de und auf hundert Veranstaltungen von Vereinen, Gewerkschaften und Volkshochschulen sollen sie sich auf die Suche machen. Manchmal kommen Regierungsmitglieder dazu, zum Auftakt am Montag eben die obersten Chefs.

Kanzlerin irritiert

Wie viel von der Veranstaltung tatsächlich „Dialog“ ist, wird sich zeigen. In der vergangenen Wahlperiode hieß das Format „Zukunftsdialog“: Im Internet wurde die Freigabe von Cannabis und eine Aufweichung des Waffenrechts nach oben gewählt. Merkel nahm es zur Kenntnis und empfahl anderen Interessengruppen, ihre Themen ähnlich gezielt zu vertreten. Den Bürgern auf den Veranstaltungen hörte sie zu und bedachte sie mit kurzen Äußerungen: „Ich nehme das mit.“ Oder: „Interessante Anregung“. Im Anschluss zeigte sich die Kanzlerin irritiert, dass die meisten Bürger vor allem über ihre eigene Lage, weniger aber über überwölbende Themen wie die Zukunft der Autoindustrie gesprochen hätten. Das Globalere übernahmen dann Wissenschaftler und Verbandsexperten, die Merkel ebenfalls diskutieren ließ.

Was folgte daraus? Das Bundespresseamt nennt keine Projekte, sondern empfiehlt auf Nachfrage den Blick auf Internet-Seite www.dialog-ueber-deutschland.de. Dort finden sich die Anregungen der Wissenschaftler in Buchform. Viele neue Koordinationsrunden werden darin empfohlen, Kursangebote zur Stärkung von Partnerschaften und die Erweiterung des Bürgerlichen Gesetzbuchs um den Hinweis, welche Pflichten eine Ehe nach sich zieht. Es findet sich darin auch der Hinweis, Sozialleistungen für Zugezogene aus EU-Staaten zu überprüfen, was die CSU später zum Slogan „Wer betrügt, der fliegt“ umformulierte.

Die aktuelle Politiker-fragen-Bürger-antworten-Reihe soll Mitte 2016 beendet werden, ein Jahr vor der Bundestagswahl. Im Wahlkampf werden Merkel und Gabriel dann nicht mehr mit-, sondern wohl eher gegeneinander antreten.