ROM, 28. April. "Keiner der Löwen muß im Käfig bleiben", jubelte am Dienstag die Parteizeitung der norditalienischen Separatistenbewegung Lega Nord. Die "Löwen" sind jene acht Männer, die vor knapp einem Jahr in Venedig ein Fährschiff entführt und damit einen Blechpanzer vom Lido zum Markusplatz geschafft hatten. Dort angelangt waren sie auf den Campanile gestiegen und hatten die Fahne mit dem schwertbewehrten Markuslöwen gehißt, die Kriegsflagge der vor 200 Jahren untergegangenen Republik Venedig. Nun reduzierte das Berufungsgericht die Strafen und setzte alle Delinquenten auf freien Fuß. Die Aktion der "Serenissimi" hatte Polizei und Politik im Mai des Vorjahres völlig unvorbereitet getroffen. Da die Turmbesteiger auch ein Gewehr bei sich hatten, breitete sich kurzzeitig Terrorismusangst aus. Im ersten Moment distanzierte sich sogar Lega-Chef Umberto Bossi von der absonderlichen Geste, die tatsächlich nichts mit den Zielen der von ihm erfundenen "Padanier" zu tun hatte. Rückschläge für die LegaDie "Löwen" wollten lediglich die "Ehre Venedigs" wiederherstellen, der Rest Norditaliens interessierte sie wenig. Der Staat reagierte mit Härte. Sechs Jahre Haft für die vier Hauptangeklagten, immerhin noch vier Jahre und neun Monate für die vier jüngeren Beteiligten verkündete das Gericht im September des Vorjahres. Drei mußten in Padua hinter Gitter, die übrigen kamen mit Hausarrest davon. Doch kaum ein halbes Jahr nach dem erstinstanzlichen Urteil hat sich der Wind im Land gedreht. Die Aufnahme Italiens in die Gruppe der Euro-Staaten und die Aussicht auf eine föderalistische neue Verfassung nehmen der Lega den Wind aus den Segeln. Mit Massimo Cacciari, dem im Vorjahr triumphal wiedergewählten linken Bürgermeister von Venedig, ist den Rabauken der Lega ein intelligenter Konkurrent erwachsen. Der Philosophieprofessor erwies sich aufgrund seines Charismas und seines Verhandlungsgeschicks als gewichtiger Befürworter der Rechte des Nordens. Bossi hingegen hat sich mit seiner überspitzten Forderung nach Sezession ins Out manövriert.Nachdem Cacciari im Namen der Gemeinde zunächst mit einer Schadensersatzforderung von 150 000 Mark als Zivilkläger aufgetreten war, stiftete er später Versöhnung zwischen dem Staat und den venezianischen "Patrioten". Er nahm brieflich Kontakt mit den Inhaftierten auf und verteidigte sie öffentlich gegen den im Urteil erhobenen Vorwurf, die acht seien subversive Elemente. "Zum ersten Mal fühlen wir uns nicht wie Banditen behandelt", schrieben die drei in Haft verbliebenen "Attentäter auf die staatliche Integrität" zurück. Zugleich distanzieren sie sich von den Vereinnahmungsversuchen der Lega Nord und von der führenden Oppositionspartei Forza Italia. Beide hatten unablässig versucht, aus den der Turmkletterei folgenden Diskussionen politisches Kapital zu schlagen. Versöhnliches EndeDer Antwortbrief genügte Bürgermeister Cacciari und offenbar auch den Richtern. Die Gemeinde zog ihre Forderungen zurück, die Richter reduzierten die Strafen und schickten auch die letzten drei nach Hause. Die wütenden Reaktionen von seiten der Lega bestätigen die Richtigkeit von Cacciaris Taktik. "Rom hat Angst", titelte das Parteiblatt und spottet über die Kehrtwende des Bürgermeisters, ohne die Pirouetten des eigenen Parteichefs zu erwähnen. Das versöhnliche Ende der Aktion beraubt den selbst von Prozessen bedrohten Bossi eines effizienten Mittels, Ressentiments gegen die Zentralbehörden und Gerichte der Republik zu schüren. Noch vor wenigen Tagen hatte Bossi die Inhaftierten für seine Propagandazwecke mißbraucht und gar mit deren gewaltsamer Befreiung gedroht.