BERLIN. Schon 150 Euro können eine Menge Sicherheit schaffen. Wenn man zum Beispiel dafür ein Stoppschild anschafft. Mehr kostet das nicht, sogar Mast und Fundament sind im Preis inbegriffen. An ungesicherten Bahnübergängen soll das achteckige "Stopp" angebracht werden, dort, wo es keine Schranken und kein Blinklicht gibt. Das sei günstig, wirksam und schnell umsetzbar, begründet das Bundesverkehrsministerium sein Vorhaben. Stoppschilder können helfen, den Leichtsinn vieler Autofahrer, das "Augen zu und durch", zu bremsen. So hat es auch der Deutsche Bundestag vor fast zwei Jahren beurteilt. Einstimmig beschloss man, "Stopp" als Zusatz zum gängigen weiß-roten Andreaskreuz zuzulassen. Der Verkehrsminister bekam den Auftrag, die Idee umzusetzen. Doch war die Rechnung ohne die Bürokratie gemacht. Dort verliert sich das Vorhaben - bis heute.Grobe Fahrlässigkeit"Was sich die deutschen Behörden da leisten, ist grobe Fahrlässigkeit", sagt Werner Kuhlmann, ein Chauffeur im Ruhestand. Er kämpft seit 1997 dafür, ungesicherte Bahnübergänge besser zu beschildern. "Nur das Stoppschild animiert die Leute dazu, wirklich anzuhalten und zu gucken", sagt der 74-Jährige aus der Kleinstadt Verl in Ostwestfalen. Seit neun Jahren kämpft Kuhlmann für das Stoppschild, er glaubte sein Vorhaben endlich auf der Zielgeraden.Die Änderung zur Straßenverkehrsordnung sollte Anfang November den Bundesrat passieren. Doch zuvor kippten Ministerialbeamte der Länder in einem Fachausschuss das Projekt. Ausgerechnet für "nicht verkehrssicher" halten sie die Kombination von Stoppschild und Andreaskreuz. Nur Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen waren dafür. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat seine Vorlage für den Bundesrat zurückgezogen.Kuhlmann kocht, aber er beherrscht sich. "Ich mache weiter", sagt er. Es gibt mehr als 10 000 ungesicherte Übergänge in Deutschland, meist in ländlichen Gebieten. Dutzende Todesopfer gibt es Jahr für Jahr. Schuld haben eigentlich immer die Autofahrer. Ein Mädchen starb 1997 bei einem Zusammenstoß in Kuhlmanns Heimatort, der Rentner war Augenzeuge des Unfalls. Das treibt ihn an, immer noch. In Nachbarländern sah Kuhlmann Stoppschilder über oder unter Andreaskreuzen, dort gibt es das längst. Warum nicht hier?Der Privatmann hat Politiker auf seine Seite gebracht, antichambriert, wo es ging. Beharrlich hat Kuhlmann telefoniert und Faxe verschickt. Sein Thema wanderte jahrelang von einem Fachgremium zum nächsten, Bahnchef Hartmut Mehdorn half eine Weile mit, und schließlich kam der Kuhlmann-Plan in den Bundestag. Der Westfale gab ein perfektes Beispiel dafür ab, dass sich energischer Bürgerwille auszahlt. Dass es sich lohnt, als David gegen Goliath zu kämpfen.Doch das Happyend lässt auf sich warten. Jetzt folgt wieder eine politische Spielrunde: Die Staatssekretäre der Länder sollen überzeugt werden, auf dass sie ihre ablehnenden Beamten zurückpfeifen. Das kann dauern. In den Kreisen der Ministerialbeamten geht es um aberwitzige Details. Etwa darum, ob die dreieckigen Sichtflächen, die sowohl für Zugführer als auch für die Straßenbenutzer an Bahnübergängen frei gehalten werden müssen, neu zu berechnen sind. Dabei operiert man mit Jahrzehnte alten Annahmen von Beschleunigungs- und Bremszeiten. Als würden sich heute noch Goggomobil und Ferkeltaxe am Übergang begegnen.Immer abseitigere Fragen werden diskutiert. "Nur das nicht, was der gesunde Menschenverstand vorgibt", sagt Kuhlmann. Er wittert eine Verzögerungstaktik, weil einfach ein normal denkender Mensch eine funktionstüchtige Lösung vorgeschlagen habe. Selbst eine volle Bahnübergang-Ausstattung mit acht Stoppzeichen und Ankündigungsschildern würde gerade einmal 1 500 Euro kosten, heißt es in der geplanten Verordnung. Nur an einzelnen Kreuzungen, an denen es sinnvoll scheint, sollten sie angebracht werden.Beweise vorhandenZüge dürfen derweil mit bis zu 80 Stundenkilometern über ungesicherte Übergänge fahren. Ebenso tückisch ist, dass Autofahrer heute gar nicht mehr automatisch zum starken Abbremsen vor den Schienen gezwungen werden, weil diese keine echten Stolpersteine mehr sind. Bauliche Verbesserungen können eben auch negative Folgen haben. Und auch Pfeifsignale von Zügen werden kaum beachtet. "Es weiß kaum jemand, dass sie überhaupt von herannahenden Triebwagen ausgesandt werden", sagt der Verkehrsexperte Franz Schilberg aus Bergisch-Gladbach. Eine Schilderkombination, die das anzeigt, gibt es allerdings in Österreich: Sie ist dort Pflicht, das Stoppschild gehört natürlich dazu. Deutschen Beamtenzirkeln gilt so etwas als unzumutbare Schilderhäufung.Einen Beweis für den Erfolg von Zeichenkombinationen gab es aber sehr wohl schon auch auf Deutschlands Straßen - hoch im Norden, nahe der Stadt Schleswig. Im Dorf Sollbrück stellte man in den 90er-Jahren eigenmächtig Stoppschilder an den Bahnübergang, weil es binnen kurzer Zeit zwei Tote gegeben hatte. Zehn Jahre lang passierte nichts. Bis es die oberste Straßenverkehrsbehörde mitbekam und die unzulässigen Zeichen entfernen ließ. Nur die Andreaskreuze blieben übrig. Dann gab es erneut Unfälle und wieder zwei Tote. Heute hat Sollbrück eine Schrankenanlage - für 400 000 Euro.------------------------------Kombi-TaktikÜber 10 000 Bahnübergänge gibt es in Deutschland, der Großteil hat weder Schranken noch Lichtsignale. Im Jahr 2005 ereigneten sich dort 1 598 Unfälle mit 56 Toten und 326 Schwerverletzten. An den ungesicherten Übergängen warnt in Deutschland nur das Andreaskreuz, das das Herz einer Weiche symbolisiert, die Autofahrer.Andere europäische Länder setzen auf eine Schilderkombination. Ein Stoppzeichen steht dort zusätzlich vor den Gleisen. So ist es etwa in Dänemark, Polen, Tschechien, Österreich, Kroatien, Frankreich und Spanien. Die Erfahrungen damit sind durchweg gut.------------------------------Foto: Werner Kuhlmann vor der idealen Andreaskreuz-Stoppschild-Kombi------------------------------Foto: Schilder-Trio an Österreichs Bahnübergängen - "Stopp" inklusive.