Wer Elena Zingarska besuchen will, sollte keine Angst vor Hunden haben. Die Biologin arbeitet für die bulgarische Naturschutzorganisation Balkani Wildlife Society und lebt im kleinen Dorf Vlahi im Westen des Landes. Der Weg zu ihrem Haus führt durch ein idyllisches Tal des Pirin-Gebirges, eine Landschaft mit grünen Hängen und grauen Felsen. Offenbar leben hier viele Hunde; diesen Eindruck bekommen Besucher angesichts des lauthals bellenden Empfangskomitees, das zur Begrüßung der Gäste über die Wiese stürmt. Es dauert aber nicht lange, bis die schwarz-weißen und braunen Tiere vom Kläffen zum Schwanzwedeln übergehen. Rasch haben sie begriffen, dass die Besucher die neben dem Haus weidenden Schafe nicht bedrohen. Für die Sicherheit der Herde sind die Hunde zuständig."Karakatschans sind die traditionellen Herdenschutzhunde in dieser Region", sagt Elena Zingarska. Jahrhundertelang wurden die Tiere nur zu einem Zweck gezüchtet: Sie sollten das weidende Vieh gegen Bären und Wölfe verteidigen. Und genau das ist auch das Interesse von Elena Zingarska und ihren Kollegen. Gemeinsam mit der Organisation Semperviva, die sich für die Erhaltung alter Nutztierrassen einsetzt, haben sie ein Zuchtprogramm für Karakatschans ins Leben gerufen. Wenn nämlich die Herden besser geschützt sind, können die Raubtiere weniger Haustiere reißen. Dadurch steigen auch die Überlebenschancen von Wölfe und Bären, weil die Menschen dann weniger Gründe haben ihnen nachzustellen.Herdenschutz wie früher"Es geht darum, die Konflikte zwischen Menschen und Raubtieren möglichst klein zu halten", erläutert Gabriel Schwaderer von der Umweltstiftung Euronatur in Radolfzell am Bodensee. Seine Organisation unterstützt nicht nur das bulgarische Projekt, sondern auch Raubtierschutz-Initiativen in anderen Ländern Europas. Den Ansatz von Elena Zingarska und ihren Kollegen findet er überzeugend. "Die Viehhalter müssen einfach wieder lernen, ihre Herden zu schützen", sagt Schwaderer. "Sonst wird es wegen der Raubtiere immer Ärger geben."Das Potenzial für solchen Ärger ist in Bulgarien groß. Nach Schätzungen der Regierung sollen etwa zweitausend Wölfe im Land leben - eine Zahl, die die Naturschützer anzweifeln. "Das würde bedeuten, dass es in Bulgarien etwa vierhundert Rudel geben müsste", sagt Elena Zingarska kopfschüttelnd. Da ein einziges Rudel aber ein Revier von etwa zweihundert Quadratkilometern Fläche beansprucht, müssten fast überall im Land Wolfsrudel leben. Wie unwahrscheinlich das ist, zeigte eine große Wolfsjagd, die bulgarische Jäger im vergangenen Jahr veranstalteten. Bei der landesweiten Aktion lief ihnen nur ein einziger Wolf vor die Flinte.Schon Mitte der 90er-Jahre haben Mitarbeiter der Balkani Wildlife Society begonnen, eigene Daten über die Wolfspopulation zusammenzutragen. Im Pirin-Gebirge und in einer weiteren Region im Westen Bulgariens haben die Naturschützer akribisch nach Kot und Pfotenspuren, gerissenen Tieren und anderen Visitenkarten der scheuen Jäger gesucht. Die Ergebnisse wurden auf das ganze Land hochgerechnet. "Wir haben damit zwar noch keine präzisen Zahlen", sagt Elena Zingarska. Doch die Naturschützer gehen davon aus, dass die bulgarische Wolfspopulation wohl nur etwa halb so groß ist, wie offiziell angegeben. Auch für die Bären des Landes tragen sie derzeit neue Zahlen zusammen, weil sie bei denen ebenfalls die offiziellen Angaben von etwa tausend Tieren im Land für übertrieben halten.Auch wenn es wahrscheinlich in dem Balkanland deutlich weniger Raubtiere gibt, als von den Behörden angenommen, mögen viele Bulgaren die vierbeinigen Nachbarn nicht. "Vor allem Wölfe haben in Bulgarien einen schlechten Ruf, weil sie oft Schafe reißen", sagt Elena Zingarska. Gegen dieses Räuber-Image kämpfen die Mitarbeiter der Balkani Wildlife Society seit Jahren an. Sie halten Diavorträge in Schulen und verteilen Informationsmaterial. In Vlahi entsteht derzeit ein Raubtier-Informationszentrum, das im Sommer des nächsten Jahres öffnen soll. Dort sollen Interessierte alles Wissenswerte über die heimlichen Jäger erfahren - und sie auch in Gehegen lebendig betrachten können. Schon heute gibt es in dem Dorf ein Gehege mit einem Braunbären und eines, in dem zwei Wölfe leben.Mit der Imagekampagne allein ist es allerdings nicht getan. "Wenn Wölfe ein Schaf reißen, ist das für die Leute hier schon ein großer Verlust", sagt Gabriel Schwaderer. Die Zeiten für Schafzüchter sind ohnehin schon schlecht, weil mit Fleisch und Wolle kein gutes Geschäft mehr zu machen ist. Da kann sich kaum einer leisten, auch noch einen Teil seines Besitzes zu verlieren.Eigentlich ist Bulgarien ein traditionelles Viehzuchtland, in dem die Hirten schon seit Jahrhunderten mit Bären und Wölfen konfrontiert sind. Wer da nicht allzu große Verluste erleiden wollte, musste seine Herde effektiv schützen. "Leider wissen aber heutzutage viele Menschen nicht mehr, wie das geht", sagt Elena Zingarska. Als die Viehherden im Sozialismus verstaatlicht wurden, fühlte sich niemand mehr für die Herdenschutzhunde zuständig; viele Tiere wurden sogar getötet. Und nachdem die Staatsbetriebe nach der politischen Wende 1989 zusammenbrachen, verlor auch noch der Rest der Karakatschans das Zuhause. Die Rasse stand kurz vor dem Aussterben - bis die Mitarbeiter von Semperviva die übrig gebliebenen Hunde landesweit einsammelten und mit der Karakatschan-Zucht begannen.Wenn der Karakatschan-Nachwuchs etwa zwei Monate alt ist, geben ihn die Naturschützer kostenlos an Hirten ab. Die Hunde wachsen dann mit der Herde auf und adoptieren die Schafe, Ziegen oder Rinder als ihr Rudel. Ohne spezielles Training beginnen sie, die Tiere gegen alle eventuellen Bedrohungen zu verteidigen - auch gegen unbekannte Menschen. Solange man als Fremder in gebührendem Abstand um die Herde herum geht, ist alles in Ordnung. "Wenn man aber mitten hindurch läuft, greifen sie an", sagt Elena Zingarska. Wölfe und sogar Bären werden von den Hunden attackiert, sobald die Räuber in die Nähe einer Herde kommen. Die Hunde bellen dann nicht nur, sondern gehen direkt auf die Angreifer los. "Das ist auch wichtig, denn Wölfe bekommen schnell heraus, ob die Verteidiger nur bluffen oder tatsächlich angreifen", sagt die Biologin.Die meisten Hirten brauchen zwei oder drei Hunde zur Unterstützung, bei sehr großen Herden mit bis zu tausend Schafen können es auch fünf sein. Die Karakatschans teilen sich die Arbeit untereinander auf. Immer laufen einige voraus und sichern nach vorne, während andere die Nachhut bilden. Und wenn tatsächlich ein Raubtier auftaucht, stürzen sich nur einige Beschützer auf den Feind. Die anderen bewachen weiter die Herde. Denn Wölfe sind clever. Mit Scheinangriffen versucht ein Teil des Rudels, die Hunde abzulenken. Wenn dann die Herde nicht mehr bewacht wird, holen sich andere Wölfe aus dem Rudel ein paar Schafe. Auf solche Tricks aber fallen Karakatschans nicht herein.50 Euro Abschussprämie"Die Hunde haben sich sehr gut bewährt", sagt Gabriel Schwaderer. Etwa neunzig Tiere haben die Naturschützer von Semperviva bisher abgegeben. Viele Neubesitzer züchten die vierbeinigen Helfer nun selbst weiter. Deshalb schützen Karakatschan-Hunde inzwischen Schafherden in ganz Bulgarien."Wir hoffen, dass wir die Behörden davon überzeugen können, unsere Zucht zu unterstützen", sagt Elena Zingarska. Bisher hat die Regierung nämlich eine andere Strategie für den Umgang mit Wölfen: Sie zahlt Jägern 50 Euro Abschussprämie für jeden erlegten Wolf. Wenn stattdessen alle Herden durch Karakatschans geschützt würden, wären nach Ansicht der Naturschützer die Schafe sicher - und auch die Raubtiere könnten überleben.------------------------------Karte: In Vlahi errichten bulgarische Naturschützer ein Informationszentrum, in dem Besucher sich ein neues Bild von Wölfen machen sollen.------------------------------Foto: Karakatschan-Hirtenhunde lassen keine Fremden an ihre Schafherde heran. Auch Wölfe und Bären werden sofort angegriffen, wenn sie sich nähern.