Der Ort, in dem schon Lovis Corinth unterrichtete und Käthe Kollwitz zeichnen und modellieren lernte, soll verkauft werden. Bislang als Künstlerhaus berlinweit bekannt, könnte am Schöneberger Ufer 71 bald eine lange Tradition zu Ende gehen. Denn das Bundesfinanzministerium will sich von seiner Immobilie trennen. Schon seit 1910 wird das Haus von bildenden Künstlern genutzt. Käthe Kollwitz, Paula Modersohn-Becker waren dort Schülerinnen und später Lehrerinnen, Lovis Corinth und Karl Gussow unterrichteten.Zu den bildenden Künstlern, die heute in dem Haus arbeiten, gehört auch Hella Santarossa, die unter anderem den Blauen Obelisken auf dem Theodor-Heuss-Platz kreiert hat. Sie befürchtet, dass nach dem Verkauf die Mieten unbezahlbar werden. Nach ihren Worten wollen deshalb fünf Künstler das Haus als Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR) kaufen. Ihr Traum: eine öffentliche Kultureinrichtung mit Ausstellungen und Ateliers. Der Preis, der ihnen bislang vorschwebte: drei Millionen Mark. Der Verkehrswert des Hauses liegt allerdings bei 3,8 Millionen Mark. Und den will die Oberfinanzdirektion des Bundes (OFD) nicht unterschreiten. Sie holt seit dem vergangenen Jahr Kaufangebote ein. Bis Ende Juni sollten die Bieter belegen, dass sie die Kaufsumme wirklich aufbringen können. Doch Mitte Februar verkürzte die OFD diese Frist auf den 12. März, also auf gestern Abend. "Wir können nicht innerhalb von drei Wochen einen Finanzierungsplan aufstellen", sagt Hella Santarossa. Die OFD teilte den Künstlern außerdem mit, dass mittlerweile ein Angebot von 4,9 Millionen Mark vorliege. Für Berlins Atelierbeauftragten Florian Schöttle ist der Vorgang ein "eleganter Rausschmiss". Der OFD unterstellt er sogar, die Künstler ausmanövriert zu haben. Ein Preis von 4,9 Millionen Mark ist den Künstlern ohnehin zu hoch. Laut Hella Santarossa könnten sie nur 4,2 Millionen aufbringen. Im Gegenzug könne ja der Bund eine halbe Hausetage behalten und kulturell nutzen.Der stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Künstlerbundes, Frank M. Zeidler, hält den Verkauf des Hauses für eine verpasste Chance, es in ein "lebendiges kulturelles Zentrum" zu verwandeln. Er wandte sich im Dezember an die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses Monika Griefahn (Grüne). Sie und auch der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion Eckhardt Barthel baten Finanzminister Hans Eichel (SPD), "der kulturhistorischen Bedeutung des Hauses gerecht zu werden" und prüfen zu lassen, ob es nicht an die Künstler verkauft werden könne. Eine Antwort bekamen sie nicht. "Wir sind streng fiskalisch ausgerichtet", sagt OFD-Sprecher Helmut John. "Das höchste Gebot bekommt immer den Zuschlag." (kop.)Künstlerhaus seit 1910 // 1910 wurde das Gebäude als "Haus der Künstlerinnen am Schöneberger Ufer" errichtet. Das von dem Architekten Heinrich Schweizer entworfene Gebäude war als Atelierhaus sowie als Zeichen- und Malschule konzipiert. Es war das erste eigene Haus für den Verein Berliner Künstlerinnen. Gründerin und Leiterin war die jüdische Künstlerin Hildegard Lehnert.Damals hatten Frauen keinen Zugang zur Kunstakademie. Deshalb wurden sie am Schöneberger Ufer ausgebildet. Schülerinnen waren unter anderen Käthe Kollwitz und Paula Modersohn-Becker. Lovis Corinth, Karl Gussow und die Lyrikerin Else Lasker-Schüler unterrichteten. Das Haus erreichte seine Anerkennung als Kunstschule und Ausbildungsstätte für Zeichenlehrerinnen.1935 musste der Verein das Haus für 55 000 Reichsmark dem Dritten Reich überschreiben. Seit den 50er-Jahren wird das Gebäude durch den Bund verwaltet, es etablierten sich wieder Künstler dort. Ansässig sind heute auch eine Druckerei und eine Filmfirma.