Bundesanwaltschaft ermittelt im Fall Siegfried Böhm / SED-Politiker war 1980 erschossen worden: DDR-Killerkommando soll Minister getötet haben

BERLIN, 26. September. Das mutmaßliche DDR-Mordkommando soll in mindestens einem Fall einen aktiven Politiker umgebracht haben. Diesem Verdacht geht die Bundesanwaltschaft in ihren Ermittlungen nach. Dabei soll es sich um den früheren DDR-Finanzminister Siegfried Böhm handeln. Böhm war am 4. Mai 1980 erschossen in seinem Haus in Karlshorst aufgefunden worden. Der Tod von Böhm war in der DDR offiziell immer als Unglücksfall dargestellt worden. Die Stasi, die seinerzeit unmittelbar nach dem Eintreffen der Polizei am Tatort die Ermittlungen an sich zog, kam intern jedoch zu dem Ergebnis, dass es sich um ein Eifersuchtsdrama gehandelt habe. So sei Böhm, der seine Familie verlassen wollte, von der Ehefrau mit der Dienstpistole des Ministers erschossen worden. Anschließend habe die Ehefrau sich mit der gleichen Waffe das Leben genommen. Diese Tatversion, die bereits damals die Familienmitglieder Böhms für ausgeschlossen hielten, wird nun auch von den Ermittlern der Bundesanwaltschaft in Zweifel gezogen. Sie halten es für möglich, dass Mitglieder des mutmaßlichen Killerkommandos das Ehepaar erschossen und den Mord als Eifersuchtsdrama tarnten.Böhm hatte sich Ende der siebziger Jahre gegenüber einem Verbindungsmann der Stasi mehrfach kritisch über Politbüro-Entscheidungen zur DDR-Finanzpolitik geäußert. Er sei nicht mehr lange bereit, geschönte Angaben über die prekäre Zahlungsbilanz des Honecker-Staates mitzutragen, drohte er in diesen Gesprächen. Kritik äußerte er auch an illegalen Währungs- und Goldgeschäften der DDR, über die er detaillierte Kenntnis besaß. Dieses Wissen und seine zunehmenden Probleme im familiären Bereich ließen Böhm in den Augen der SED-Führung zu einem Sicherheitsrisiko werden. Unklar ist bislang aber, ob aus diesem Grund eine Liquidierung des Ministers angeordnet wurde. Stutzig machen die Ermittler jedoch eine Reihe von Widersprüchen in den überlieferten Ermittlungsunterlagen zu dem Fall. Auf Unterstützung ihrer Arbeit durch den am vergangenen Montag in Kleinzerlang in der Nähe von Rheinsberg festgenommenen Jürgen G. können die Ermittler dabei nicht hoffen. Der 51-jährige mutmaßliche Auftragsmörder, der nach der Wende nach Rheinsberg gezogen war und dort als Installateur arbeitete, schweigt sich weiter aus. Wie die Süddeutsche Zeitung berichtete, war vor Jahren ein verdeckter Ermittler auf G. angesetzt worden und hatte ihm Informationen über die Killertruppe entlockt. Demnach geht die Bundesanwaltschaft jetzt davon aus, dass das Kommando aus fünf bis sechs Personen bestand, die zwischen 1976 und 1987 bis zu 25 Mordanschläge verübt haben sollen. Ihre zweijährige Ausbildung im Nahkampf und lautlosen Töten hätten die Killer auf einer Ostseeinsel vor Stralsund absolviert. Es ist davon auszugehen, dass der Bundesanwaltschaft neben den Aussagen des Mannes noch weitere Erkenntnisse vorliegen. Andernfalls hätte der Ermittlungsrichter am Bundesgerichtshof kaum den Haftbefehl gegen G. verlängert. Derzeit laufen nach Informationen der Berliner Zeitung im gesamten Bundesgebiet Fahndungsmaßnahmen, von denen sich die Ermittler das Auffinden von Zeugen und weiteren Beweismitteln erhoffen. So soll es Hinweise geben, wonach die Täter zur eigenen Absicherung wichtige Beweismittel an verschiedenen geheimen Orten aufbewahrt haben sollen.Ein Sicherheitsrisiko // Siegfried Böhm (Foto) war von 1966 bis 1980 Finanzminister der DDR. Die Bundesanwaltschaft geht jetzt dem Verdacht nach, dass Böhm möglicherweise ein Opfer des mutmaßlichen DDR-Mordkommandos war. Sein Tod blieb bis heute mysteriös.Der Minister hatte Kritik an geschönten Bilanzen und an illegalen Währungs- und Goldgeschäften der DDR geäußert.Dieses Wissen und seine zunehmenden Probleme im familiären Bereich ließen Böhm in den Augen der SED-Führung zu einem Sicherheitsrisiko werden.BERLINER VERLAG