Die heute 75jährige ehemalige KZ-Aufseherin Margot Pietzner wurde 1992 als Opfer der Stalinismus anerkannt und mit 64 350 Mark entschädigt. Das Bundesjustizministerium setzte sich damals für eine schnelle Entschädigung ein. Jetzt muß sie das Geld zurückzahlen.Im August 1946 wurde Margot Kunz-Pietzner in Wittenberg von den Sowjets verhaftet. Man warf ihr vor, als Aufseherin im KZ-Nebenlager Rödernhof bei Belzig Häftlinge mißhandelt zu haben. Sie wurde von einem sowjetischen Kriegsgericht zum Tode verurteilt. Die Strafe, später zu 25 Jahren Arbeitslager umgewandelt, verbüßte sie in verschiedenen Lagern und Gefängnissen, bis sie 1956 nach einer Amnestie frei kam.In der Bundesrepublik wurde sie am 9. März 1992 als politischer Häftling und Opfer des Stalinismus anerkannt. Für ihre Haftzeit erhielt sie im März 1993 - nach dem 1. SED-Unrechtsbereinigungsgesetz - eine Entschädigung von 64 350 Mark. Das Geld stammte aus Bundesmitteln von der damals in Berlin ansässigen "Stiftung für ehemalige politische Häftlinge", die den Bundesministerien für Justiz und Inneres zugeordnet war. Die Nachfolgeorganisation dieser Stiftung, die "Projektgruppe Häftlingshilfegesetz" hob den Anerkennungsbescheid als Opfer des Stalinismus nun auf und fordert das Geld zurück. Über die Gründe der Aberkennung will sich die "Projektgruppe" nicht äußern. Es handele sich um ein "schwebendes Verfahren", sagt Leiter Bernd Potthoff. "Von Amts wegen sind neue Tatsachen ermittelt worden." Pietzner habe gegen die Aberkennung Widerspruch eingelegt.Um welche neuen Erkenntnisse es sich handelt - kein Kommentar. 1995 hatte das Bonner Ministerium, nachdem bereits Einzelheiten der Tätigkeit der SS-Aufseherin in dem KZ-Außenlager bekannt waren, der umstrittenen Margot Pietzner noch in einem 17seitigen Gutachten sozusagen einen Persilschein ausgestellt. In einer 1993 veröffentlichten Chronik über jenes Außenlager Rödernhof war Margot Pietzner zusammen mit drei anderen Aufseherinnen als eine der brutalsten bezeichnet worden. In der Gauck-Behörde waren Akten von Polizeivernehmungen aus dem Jahre 1946 aufgetaucht. Danach belasten Zeugenaussagen Margot Pietzner schwer. Sie habe Häftlinge "öfter geschlagen" und "sehr viele Meldungen abgegeben", also Häftlinge denunziert, heißt es darin. Das Justizministerium verwies gestern auf die Nürnberger Stiftung, die für den neuen Entscheid zuständig sei. Inwieweit das Ministerium involviert sei, sei "verwaltungsintern".Der Fall Margot Pietzner hatte seinerzeit für bundesweite Schlagzeilen gesorgt. Frau Pietzner hatte über ihr Schicksal in der Berliner "Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Stalinismus" berichtet. Die Mitarbeiter, zu deren Vorstand Bürgerrechtler wie Jürgen Fuchs und Bärbel Bohley zählten, hatten den Entschädigungsantrag der ehemaligen KZ-Aufseherin mit auf den Weg gebracht. Doch die SS-Vergangenheit Margot Pietzners verschwiegen sie den Vorstandsmitgliedern. Bibliotheks-Mitarbeiter Siegmar Faust, heute Landesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen in Sachsen, hatte 1991 anläßlich eines Gesprächs mit Klaus Kinkel in Bonn den Fall der Margot Pietzner vorgetragen. Diese erhielt bald darauf Post eines Anwaltes namens G. Kienitz aus Wenigsen, der ihr bei Rehabilitation und Entschädigung "auf Anregung des Bundesministers der Justiz, Dr. Kinkel" kostenlose Hilfe anbot. Der Entschädigungsfall Pietzner war schnell wie kaum ein anderer bearbeitet worden. Für persönliche Hilfe wie bei der Wohnungsrenovierung schenkte Margot Pietzner der Gedenkbibliotheks-Leiterin Ursula Popiolek 20 000 Mark, Siegmar Faust erhielt 7 000 Mark. Jürgen Fuchs, Ex-Vorstandmitglied, hatte 1994 die sofortige Kündigung Frau Popioleks und 1995 die Auflösung der Gedenkbibliothek gefordert. "Der Fall Pietzner und der Fall Gedenkbibliothek müssen jetzt umgehend aufgeklärt werden", verlangt der ehemalige Bürgerrechtler. +++

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.