BERLIN, 31. August. Gerhard Schröder tat das, was er in Wahlkämpfen am besten kann: Er versprühte Optimismus. "Wenn wir es nicht schaffen, die Arbeitslosenquote signifikant zu senken, dann haben wir es weder verdient, wiedergewählt zu werden, noch werden wir wiedergewählt."Das war kurz vor der Bundestagswahl 1998, aus der Schröder erstmals als Sieger hervorging. Vier Jahre später konnte von einer signifikanten Senkung keine Rede sein. Damals gab es in Deutschland 4,02 Millionen Jobsuchende - die Deutschen wählten Schröder dennoch wieder. Im August 2005, wieder kurz vor dem Urnengang, sieht die Lage noch dramatischer aus: Wie die Nürnberger Bundesagentur am Mittwoch mitteilte, waren zuletzt 4,73 Millionen Frauen und Männer ohne Arbeit. Gegenüber Juli entsprach das zwar einem Rückgang von rund 44 000. Aufs Jahr gesehen sind es aber 381 000 Jobsuchende mehr. Rund 300 000 davon sind durch die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe in der Statistik erfasst.Start unter guten VorzeichenDennoch wird deutlich: Rot-Grün hat sein wichtigstes Ziel verfehlt. Die Arbeitsmarktbilanz der Regierung Schröder sieht trotz aller Reformen düster aus. Das sagen nicht nur die Oppositionsparteien, sondern auch unabhängige Wissenschaftler."Schröder hat zu spät erkannt, dass man auf der Angebotsseite Reformen in Gang setzen muss", sagt Udo Ludwig, Konjunkturchef am Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Selbst als die Regierung in ihrer zweiten Legislaturperiode mit den Hartz-Gesetzen in die Offensive ging, sei es vor allem darum gegangen, die Arbeitsvermittlung zu reformieren. "Man hätte aber auch die Bedingungen dafür verbessern müssen, dass neue Jobs entstehen können. Deutlich niedrigere Sozialabgaben und Steuern müssen Arbeit billiger machen."Dabei startet Rot-Grün 1998 unter guten Vorzeichen: Die Weltwirtschaft brummt, der Internet-Boom versetzt Wirtschaft und Verbraucher rund um den Globus zunehmend in einen kollektiven Rauschzustand. Als kurz vor dem Ende der Kohl-Ära die Wachstumsindikatoren wieder nach oben zeigen, sagt Kandidat Schröder kurzerhand: "Das ist mein Aufschwung." Das Bündnis für Arbeit, eine Kungelrunde von Verbandsfunktionären, Politikern und Gewerkschaftern, wird nach dem rot-grünen Wahlsieg zum wichtigsten Reformmotor in Deutschland erklärt. Substanzielles wird dort kaum beschlossen. Und Schröders erster Arbeitsminister Walter Riester werkelt recht unauffällig vor sich hin.Doch dank Internet-Boom und Börsenhype sinkt die Arbeitslosigkeit auch so: Im Mai 2000 legt sich Schröder öffentlich darauf fest, bis 2002 die Zahl der Jobsuchenden auf 3,5 Millionen drücken zu wollen. Das Platzen der Internet-Blase und der Einbruch der Weltkonjunktur bereitet diesem Traum ein jähes Ende.Am Anfang der zweiten Amtszeit steht erneut ein Versprechen: Binnen drei Jahren soll die Arbeitslosigkeit in Deutschland halbiert werden. Peter Hartz, der VW-Manager und Kanzlerfreund, hält das für möglich. Schröder holt 2002 den damaligen NRW-Ministerpräsidenten Wolfgang Clement als Superminister für Wirtschaft und Arbeit nach Berlin. Der gönnt sich keine Pause: Er erleichtert Existenzgründungen und Minijobs. Die Zeitarbeit wird liberalisiert und der Umbau der Bundesagentur für Arbeit in Angriff genommen. Der Streit um die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe und die verschärften Zumutbarkeitsregeln für Langzeitarbeitslose bringt die Gewerkschaften, den alten Verbündeten der SPD, gegen die Regierung auf.Warten auf die WendeDie Früchte für ihre Arbeit werden Schröder, Clement, SPD und Grüne nach Lage der Dinge nicht mehr ernten können. Zwar steigt die Zahl der Erwerbstätigen wieder - vor allem dank neuer Minijobs. Experten sind sich sicher, dass auch ein richtiger Aufschwung am Arbeitsmarkt kommen wird. Aber erst dann, wenn auch die Wirtschaft wieder wächst. Das wird frühestens im kommenden Jahr der Fall sein.Am Mittwoch konstatierte die Bundesregierung zwar, dass die Trendwende am Arbeitsmarkt geschafft sei. Doch das lässt sich unter Wahlkampf verbuchen. "Die Wende ist erst da, wenn sich die Konjunktur verbessert. Und das ist erst in Ansätzen erkennbar", sagt IWH-Experte Ludwig.------------------------------Nicht weiter als vor sieben JahrenQuote: Die Arbeitslosenquote beträgt in Deutschland zurzeit 11,4 Prozent und damit etwas mehr als beim Amtsantritt der rot-grünen Bundesregierung im Herbst 1998.Berlin: Im August ist die Arbeitslosigkeit bundesweit etwas zurückgegangen. Davon profitierte auch Berlin. Dort waren zuletzt 318 687 Menschen ohne Job (minus 7 500).Brandenburg: Im Land Brandenburg waren Ende August 233 810 Arbeitslose registriert. Gegenüber dem Vormonat entspricht das einem Rückgang von 6 800.------------------------------Grafik: (3) Arbeitslose / Arbeitslosenquoten / Wirtschaftswachstum

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