Berlin - Der Dezemberabend ist lau, der Weihnachtsmarkt auf dem Berliner Alexanderplatz voller fröhlicher Menschen, aber Harald Petzolds Laune ist im Keller.

Es ist kurz vor sieben, und der Bundestagsabgeordnete und sein Team verstauen ihre Sammelbüchsen. Keine gute Zeit, um Spenden für die Aids-Hilfe zu sammeln: Es ist bald Weihnachten, und es ist bald Krieg. Die Leute haben andere Sorgen. Jetzt auch noch Aids? „Lass mal.“ Viele machen einen Bogen um Petzold. Und wie immer taucht schnell auch das Thema des Jahres auf. „Wir haben schon für Flüchtlinge gespendet. Jetzt reicht’s mal.“

Petzold sitzt seit zwei Jahren für Die Linke im Bundestag, politisch aktiv ist er seit der Wende, vor allem für die Belange von Schwulen und Lesben. 1991 hat er die Aids-Hilfe in Brandenburg mit aufgebaut, zum Welt-Aids-Tag hilft er jährlich beim Spendensammeln. So schlecht wie dieses Jahr lief es noch nie.

Im Morgengrauen stand er schon mit einem roten Wägelchen voller Flyer am Bahnhof von Oranienburg in seinem brandenburgischen Wahlkreis, da war es auch nicht besser.

Ukraine, Terror, Flüchtlinge: Was für ein Jahr

2015 wird in die Zeitgeschichte als ein Jahr der Krisen eingehen: Ukraine, Griechenland, Flüchtlinge, Terror. Nun steht die Bundeswehr auch noch vor ihrem größten aktuellen Auslandseinsatz.

Als Petzold vor zwei Jahren gewählt wurde, versprach er, sich um die Gleichstellung von Schwulen und Lesben zu kümmern, um bessere Kulturpolitik, und natürlich um seinen Wahlkreis. Denn so ist der Bundestag ja gedacht: Die Abgeordneten regieren nicht, sie repräsentieren die Bürger. Der Ex-Gymnasiallehrer Petzold spricht dort also, rein demokratietheoretisch, stellvertretend für alle Brandenburger aus den 26 Gemeinden der Kreise Havelland und Oberhavel, die die Linkspartei gewählt haben.

Die wenigsten dürften damals geahnt haben, wie direkt der Syrienkrieg, der da schon zweieinhalb Jahre lief, Deutschland noch betreffen würde: weil dort Terroristen Anschläge in Westeuropa planen. Weil deshalb Soldaten auch aus Brandenburg dorthin geschickt werden. Und, noch direkter, weil auch in Havelland und Oberhavel so viele Flüchtlinge von da untergebracht werden müssen, dass Notunterkünfte eingerichtet wurden. Ende August fackelten Unbekannte eine davon ab, eine Turnhalle in Nauen. Was für ein Jahr.

Petzold muss plötzlich über Fragen entscheiden, die noch nicht einmal zu ahnen waren, als er sich im Wahlkampf vorstellte. Bundestagsabgeordnete pendeln zwischen Bürgervertreter und Parteisoldat, zwischen Wahlkreis und Weltpolitik, das war schon immer so. Doch lange brach die Weltpolitik nicht so heftig in den politischen Alltag wie zurzeit.

Was heißt das für die Abgeordneten? Wie erfassen sie die Details der großen Politik und zugleich die Stimmung „draußen im Land“?

„Die Stimmung ist nicht gut“

Es ist Anfang November, vor Öffnung der Weihnachtsmärkte und vor dem Terror in Paris, als die CSU-Abgeordnete Emmi Zeulner im Bundestag auf die Weltsicht aus ihrem Wahlkreis trifft: dem fränkischen Kulmbach. Alle Abgeordnete laden Besuchergruppen aus der Heimat ein, bei der CSU-Frau sind es meist Schüler, weil sie junge Leute für Politik begeistern will.

Ob das an diesem Mittwoch gelingt, ist fraglich. Die 27 Realschüler sind müde von der Partynacht in der Großstadt, die meisten kennen Emmi Zeulner nicht. „Ihr Vorgänger war ja viel prominenter“, sagt die Lehrerin. Nach einigen Jahren als Kommunalpolitikerin hat Zeulner den Wahlkreis des Ex-CSU-Stars Karl-Theodor zu Guttenberg übernommen. Oder besser: erkämpft. Denn das ist der Unterschied zum Linken Petzold: Emmi Zeulner ist die Direktkandidatin, die „Wahlkreisinhaberin“, wie mancher im Bundestag auch sagt.

Was das bedeutet, ahnt man sogar beim Besuch von Zehntklässlern. Schon als Zeulner sich vorstellt, erwähnt sie immer wieder, wie sie sich für die Heimatstädtchen einsetzt: Im Gesundheitsausschuss arbeitet sie an einer Landarzt-Quote, gerade kämpfe sie gegen eine Stromtrasse durch den Wahlkreis. Als sie einmal vom Reiz der Großstadt Berlin schwärmt, schiebt sie schnell nach, dass das Landleben doch am schönsten sei.

Schüler finden Lage nicht dramatisch

Das Flüchtlingsthema taucht wider Erwarten auch in der Fragerunde kaum auf. Die Schüler empfinden die Lage offenbar nicht als dramatisch. „Das hat mich gewundert“, sagt Zeulner später, „im Wahlkreis begegnet mir das Thema ununterbrochen.“ Sie sprach mit Helfern und Bürgermeistern, befragte Bundespolizisten, bekommt Mails, Briefe, Gesprächswünsche von Bürgern. „Die Stimmung ist nicht gut“, sagt sie. „Die Mehrheit sagen, wir kommen an unsere Grenzen.“ In der Fraktion, wo sie in ihren zwei Jahren noch keine so hitzige Debatten erlebte wie in diesem Herbst, steht sie deshalb fest zu den Forderungen ihres Parteichefs Horst Seehofer.

Sie will also Transitzonen, Asyl-Obergrenzen, Grenzschließungen? „Das sind doch alles Schlagworte, mir geht es um Sachfragen. Wichtig ist ein breites Maßnahmenpaket, dazu müssen auch entmilitarisierte Zonen in Syrien zählen, Kontingente für alle EU-Staaten, Kooperation mit der Türkei, um die Fluchtbewegungen zu kontrollieren.“

Der Bundestag ist der Ort, wo die Fäden zusammenlaufen: Die Beschwerden von Anwohnern, die Sorgen der Helfer und die Entscheidungen, mit denen Deutschland den Zustrom bremsen will.

„Was muss man denn studieren, damit man hier arbeiten kann?“, fragt ein Schüler. Emmi Zeulner war Krankenschwester, Kommunalpolitikerin und hat ihr Wirtschaftsstudium für den Bundestag abgebrochen. „Eigentlich nichts“, antwortet sie. „Aber man muss sehr viel lesen. Und braucht gute Mitarbeiter, die viel recherchieren.“

Die Sorgenliste ist viel länger

Das zentrale Thema dieses Jahres war natürlich die Flüchtlingskrise, auch für die Abgeordneten im Bundestag.

Im Wahlkreis des Linken-Politikers Harald Petzold wurden aus etlichen leeren Gebäuden Notunterkünfte. Petzold hat Heime im Wahlkreis besucht und Willkommensinitiativen mit Kontakten zu Behörden oder bestehenden Vereinen geholfen. Er hat Gegendemos mitorganisiert, wenn Neonazis und Anwohner gegen Asylheime protestierten. Er hat mit Menschen gesprochen, die sich vor rechter Gewalt fürchten, aber auch vor großen Gemeinschaftsunterkünften für Asylsuchende. Gegen diese argumentiert er als ehrenamtlicher Lokalpolitiker im Kreistag; als Bundestagsabgeordneter musste er besorgten Anwohnern erklären, warum es dennoch so kam und dass Asylbewerber nicht gegenüber Hartz-IV-Empfängern bevorzugt werden.

Die Sorgenliste im Wahlkreis ist noch viel länger: Petzold soll helfen, die Schließung des Bahnwerks Eberswalde zu verhindern, sich mit dem Ausbau der B96 durch Brandenburg befassen, ein offenes Ohr für Verbände von AWO bis Volkssolidarität haben.

In der SPD gegen Kriegseinsatz argumentiert

Am Freitag, dem 13. November, kam dann, wie überall im Land, ein neue Sorge hinzu: die vor islamistischem Terror – und davor, wie der Westen darauf reagieren würde.

Vier Tage später sitzt die SPD-Politikerin Ute Finckh-Krämer im Emmy-Nöther-Gymnasium in Berlin-Köpenick im Politik-Leistungskurs und ahnt, dass aus Theorie bald Praxis werden könnte.

Die Gymnasiasten haben sie eingeladen, weil sie beim Tag der offenen Tür im Bundestag über ihre Arbeit in den drei Unterausschüssen für Abrüstung, Zivile Krisenprävention und Humanitäre Hilfe geredet hatte. Eine echte Friedenspolitikerin, könnte man sagen, ideal, um sie zu Flüchtlingshilfe und Fluchtursachen zu befragen.

„Terrorabwehr ist Sache der Polizei“

Also sitzt die Friedensaktivistin mit dem Doktortitel in Mathematik nun im Klassenzimmer, das mit Bildchen von Rio Reiser und Nirvana geschmückt ist, und beantwortet ziemlich akademische Fragen der Gymnasiasten. Ursachen der Syrienkrise. Bundesmittel für Flüchtlingslager im Ausland. Waffenlieferungen an die Kurden.

Nach einer guten Stunde fragt endlich eine Schülerin nach Paris. „Sollte sich die EU zusammentun, um ISIS zu bekämpfen?“ Aus heutiger Sicht lag sie goldrichtig, obwohl damals nicht abzusehen war, dass Frankreich genau das verlangen würde. „Ja“, sagt Finckh-Krämer, „aber nicht mit Militär. Terrorabwehr ist Sache der Polizei und der Geheimdienste, die müssen europaweit besser kooperieren.“

Schüler und Lehrerin geben ihr Recht, gemeinsam reden sie über die Fehler in Afghanistan und über nicht-militärische Schritte gegen ISIS. Am Ende verschenkt Ute Finckh-Krämer Ausgaben des Grundgesetzes, die ein Vorwort von ihr enthalten.

Was, wenn ISIS sich rächt?

Anderthalb Wochen später verspricht die Bundeskanzlerin dem französischen Präsidenten, auch die Bundeswehr werde in Syrien gegen ISIS kämpfen.

Am Wochenende danach ist Harald Petzold im brandenburgischen Brieselang, 15 Kilometer vor Berlin, und sitzt dem Bürger in Form des Kegelbruders gegenüber: Der Linken-Kreisverband tagt im Veranstaltungssaal einer Gaststätte, und die hat auch eine Kegelbahn. Weil Petzold einigen gesichtsbekannt ist, wird er besonders belagert. „Was macht’n ihr da im Bundestag?“ –„Wenn wir da jetzt mitmischen, rächen die sich doch!“

Petzold hat nicht auf alles eine Antwort. Er weiß schon, dass er gegen den Bundeswehreinsatz stimmen wird. Aber er weiß nicht, ob es das ist, was die Kegler hören wollen.

Erst Syrienkrieg, dann Edeka: „Die Welt dreht sich weiter“

Am Mittwoch darauf debattiert der Bundestag zum ersten Mal über den deutschen Kriegseinsatz in Syrien, und zwar fast vollzählig und sehr leidenschaftlich.

Doch als am gleichen Tag die Grünen-Abgeordnete Katharina Dröge ans Rednerpult tritt, ist das Plenum schon so leer, dass ihre Schritte hallen. Es ist gerade mal 16 Uhr. Aber nach der Bundeswehr-Debatte gingen die meisten. Selbst für Katharina Dröge fühlt es sich seltsam, nun zu der Frage zu reden, ob Edeka und Tengelmann fusionieren dürfen.

Das Kartellamt hat das untersagt, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel hält seit sieben Monaten offen, ob er das überstimmt, die Grünen befürchten für diesen Fall Preisdruck auf Lebensmittel-Erzeuger und schlechtere Arbeitsbedingungen für Beschäftigten. Es geht um Jobs und Verbraucherschutz, aber eben nicht um Leben und Tod.

Sogar den Karnevalsauftakt verpasst die Kölnerin

„Der Syrien-Einsatz ist ein hoch emotionales Thema, da fiel es mir schon schwer, direkt danach über mein politisches Alltagsgeschäft zu sprechen“, sagt Dröge später. Doch sie ist nun mal fachlich zuständig, und die Welt dreht sich auch während Flüchtlingskrisen und Kriegsdebatten weiter.

Emotional gebe es immer wieder Themen, die alles andere überschatten: Sie hat ihren Wahlkreis in Köln, wo die Oberbürgermeisterkandidatin von einem Rechtsextremen wegen ihrer Flüchtlingspolitik niedergestochen wurde. Paris ist da näher als Berlin. Und als Grüne bekommt sie zur Frage des Kriegseinsatzes so viele Reaktionen wie lange nicht mehr.

Manchmal scheint ihr Köln nun sehr weit, etwa wenn sie den Karnevalsauftakt am 11.11. verpasst. Doch so oft es geht, nutzt sie ihr Bundestagsmandat für Kölner Belange: Fragt den Bund, der 80 leere Immobilien in Köln besitzt, ob die als Asylheime brauchbar sind; erkundigt sich beim Verkehrsministerium nach einem Nachtflugverbot für Köln/Bonn. In der Fraktion ist sie aber für Wettbewerbspolitik zuständig, also darf sie es Gabriel nicht durchgehen lassen, dass er womöglich die vielen Ablenkungen nutzt, um der Supermarkt-Fusion zuzustimmen. „Das wäre eine reine Lobbyentscheidung“, schimpft Dröge am Rednerpult. Sie spricht leidenschaftlich, laut und sehr schnell. Kein Besucher käme darauf, dass sie erst zwei Jahre im Bundestag sitzt.

Der Abgeordnete auf der Friedensdemo

Inzwischen ist die Entscheidung über den Bundeswehr-Einsatz gefallen: 70 Prozent der Abgeordneten haben zugestimmt.

Emmi Zeulner von der CSU war darunter, vor allem wegen der deutsch-französischen Solidarität.

Katharina Dröge ist froh, dass die Grünen den Einsatz fast einstimmig abgelehnt haben. Sie hätte in jedem Fall dagegen gestimmt, weil ein völkerrechtliches Mandat fehle.

SPD-Friedenspolitikerin Ute Finckh-Krämer hat in der SPD-Fraktion vehement gegen das Mandat argumentiert, immerhin 28 Genossen stimmten letztlich wie sie.

Harald Petzold war noch am Abend vorher auf einer Antikriegsdemo in Berlin, nach der Abstimmung musste er schnell weiter, in seinen Wahlkreis. Obwohl er noch sauer auf die Union war, weil sie den Einsatz letztlich durchgesetzt hat, besuchte er dort das Abgeordnetenbüro des „Wahlkreisinhabers“ von der CDU. Sie wollen mit den Bürgern in Nassenheide, Teschendorf und Löwenberg sprechen, die den vierspurigen Ausbau der B96 vor ihrer Haustür ablehnen. Daran müsse man gemeinsam arbeiten, sagt Petzold. „Zum Wohle des Wahlkreises.“