Auf den ersten Blick scheint in der Wahlkabine alles wie immer zu sein. Ein unhandlich langer Wahlzettel, mehr als 50 Zentimeter lang, muss mit zwei Kreuzen versehen werden. Auf der linken Seite stehen eine Reihe mehr oder weniger bekannter Namen. Das sind die örtlichen Wahlkreisabgeordneten. Rechts in der Spalte stehen die Parteien. Mit der dazugehörigen Zweitstimme entscheidet der Wähler, wieviel Sitze jene Parteien im Bundestag erhalten, die es über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen.

Jedenfalls prinzipiell. Aufmerksame Fernsehzuschauer erinnern sich, wie schlaue Demoskopen nach den ersten Hochrechnungen immer vor den möglichen gravierenden Veränderungen durch Überhangmandate warnten. Diese Zusatzsitze waren der Überraschungsjoker jedes späten Wahlabends. Theoretisch konnten sie den Verlierer noch zum Sieger machen. Überhangmandate entstehen, wenn mehr Direktbewerber einer Partei gewählt werden, als dieser Partei nach dem Zweitstimmenergebnis an Mandaten zustehen. So konnte die Union nach der letzten Bundestagswahl 24 Abgeordnete mehr nach Berlin schicken, als es ihrem Zweitstimmenergebnis entsprochen hätte. Im Extremfall konnte es sogar passieren, dass eine niedrigere Zahl von Zweitstimmen für eine Partei zu mehr Sitzen im Parlament führten.

Damit ist es nun vorbei. Nach jahrelangem Zaudern und Streiten haben die Parteien auf Druck des Bundesverfassungsgerichts das Wahlrecht geändert, um diese paradoxe Wirkung zu beenden. Prinzipiell werden bei der Wahl am Sonntag nun erstmals alle Überhangmandate durch Extra-Sitze für die anderen Parteien ausgeglichen. Das genaue Verfahren ist mehrstufig und hoch kompliziert. „Wenn Sie das verstehen, gebe ich Ihnen einen aus“, sagt der Verfassungsrechtler Hans Meyer. Entscheidender als die mathematischen Details sind aber ohnehin ihre praktischen und politischen Auswirkungen – und die sind erheblich.

Es beginnt in der Wahlkabine. Seit Jahrzehnten haben taktische Wähler ihre Stimme gesplittet. 2009 waren es 11,5 Millionen Bürger, die ihre Erst- und ihre Zweitstimme unterschiedlichen Parteien gaben. Vor allem FDP-Wähler gaben ihre Erststimme einem Direktkandidaten der CDU, der größere Chancen hatte. Umgekehrt werben die Liberalen im aktuellen Wahlkampf so massiv wie lange nicht mehr um Zweitstimmen von Unions-Wählern. „Wer Merkel haben will, wählt auch FDP“, bettelt Spitzenkandidat Rainer Brüderle.

Doch Unions-Wähler sollten sich gut überlegen, ob sie der Bitte nachkommen. Von einer Aufteilung ihrer Stimme profitiert nach dem neuen Recht nämlich alleine die FDP. Die CDU hingegen wird geschwächt: Sie bekommt weniger Zweitstimmen. Ein möglicher Überschuss der Erststimmen wird durch die Ausgleichsmandate nivelliert. „Heute hat das Splitting seinen Sinn verloren“, urteilt Professor Meyer nüchtern.

Zudem hat es einen ärgerlichen Nebeneffekt: Es bläht den Bundestag auf. Regulär besteht das Parlament aus 598 Abgeordneten. Hinzu kommen die Überhangmandate und die Ausgleichsmandate, um deren Wirkung zu neutralisieren. Hätte dieses Recht schon 2009 gegolten, wäre die Zahl der Parlamentarier auf 671 angewachsen. Wie viel es tatsächlich werden, hängt vom Ergebnis ab. Es gilt die Faustformel: Je mehr Anhänger von Schwarz-Gelb der CDU die Stimme geben, desto kleiner bleibt der Bundestag. Je mehr ihre Zweitstimme der FDP geben, desto größer wird er.

Die Prognosen und Hochrechnungen am Wahlabend sind übrigens mit dem neuen Recht präziser als früher. Auch wenn die Sitzzahl am Ende viel höher sein sollte als erwartet, würde sich am Kräfteverhältnis nichts ändern.