BERLIN, 9. März. Einhundertzwanzig Stundenkilometer sollen am Ende der von Hockey-Bundestrainer Paul Lissek auferlegten Hausaufgabe stehen. Anerkennung würde Oliver Kahn im Tor der Bayern vermutlich seinem Gegenüber zollen, beschleunigte der einen Freistoß auf 120 Sachen. Parieren würde der Keeper den strammen Schuss wohl dennoch, 120 km/h schnelle Bälle sind beim Fußball auf höchstem Niveau keine Ausnahme.Hollands EckenkönigIm Hockey schon, sofern der Ball hoch im Toreck einschlägt. Lediglich zwei Strafeckenschützen auf der Welt haben das Schlenzen derartig perfektioniert, dass ihre Bälle unhaltbar ins Netz donnern. Der zwei Meter lange Holländer Bram Lomans gilt Dank seines enormen Hebels und seiner optimalen Schleudertechnik mit durchschnittlich 110 km/h als der Eckenkönig der vergangenen drei Jahre. Weltmeister und Olympiasieger Lomans gar übertroffen hat der Pakistani Sohail Abbas, der ebenso treffsicher den Ball noch zehn km/h schneller beschleunigen kann.Die deutschen Hockeyspieler sahen solchen Geschossen bislang nur neidisch hinterher. Künftig allerdings wollen sie den Gegnern die Bälle ähnlich schnell ohne Schwung zu holen in den Kasten hauen. Vier Strafeckenschützen bildet Paul Lissek aus, den Münchner Björn Michel, den Gladbacher Florian Kunz, den Rüsselsheimer Björn Emmerling und den Berliner Florian Keller. Zusätzlich zum normalen Pensum eines jeden Olympiakandidaten sollen die vier wöchentlich je bis zu tausend Ecken schlenzen. Denn nur durch regelmäßiges Wiederholen, so der feste Glaube des Bundestrainers, lässt sich die Wettkampfstabilität und damit die Erfolgswahrscheinlichkeit erhöhen. Sonderlich effektiv waren die deutschen Hockeyspieler bislang nicht unbedingt. Zu groß war die Anzahl der an einer Ecke beteiligten Spieler, bisweilen avancierten sie zu wahren Strafeckenakrobaten. Für die einfachste Ausführung einer kurzen Ecke werden drei Spieler (Rausgeber von der Grundlinie, Stopper, Schütze am Schusskreisrand) benötigt. Die mögliche Fehlerquote liegt damit notgedrungen höher als etwa beim Fußball-Freistoß. In Ermangelung eines überdurchschnittlichen Schützen erhöhte Lissek die Gefahr noch, indem er Varianten, an denen bis zu sieben Akteure beteiligt waren, einstudieren ließ.Beim olympischen Hockeyturnier in Sydney wollen die Deutschen nun über den direkten Weg, Schuss oder Schlenzer, zum Torerfolg kommen. Assistenztrainer Werner Wiedersich hat ermittelt, dass rund einhundert Schlenzversuche in einer Stunde möglich sind. Daraus errechnete er zehn Wochenstunden individuelles Eckentraining. Ergibt rund 30 000 Ecken, die bis zum Olympia-Beginn ein jeder Schütze schlagen muss.Kleine PausenFlorian Keller findet diese Zahlen "ziemlich hoch". Allerdings ist er davon überzeugt, dass es "schon etwas bringt, wenn man übt". Doch so verbissen, nun tatsächlich tausend Schlenzer extra Woche für Woche zu produzieren, ist er nicht. Vielmehr wird Keller immer mal Pausen ganz kleine nur einbauen, "schließlich soll das Ganze ja auch Spaß machen", sagt der 18-Jährige. Alle vier Wochen wird er jedoch auch diese kleinen Pausen weglassen müssen. Dann nämlich macht der Bundestrainer Station in Berlin, um Kellers Eckenkünste persönlich zu perfektionieren. Wenigstens kann Lissek die Geschwindigkeit der Bälle nur im Olympiastützpunkt Leipzig messen.