Karlsruhe. Reuter Das Anbringen von Kruzifixen in Klassenzimmern staatlicher Schulen verstößt nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes (BVG) gegen die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit. Der Staat sei zur weltanschaulichen Neutralität verpflichtet.Eine Regelung der bayerischen Schulordnung von 1983, die Kruzifixe in Volksschulen vorschreibt, darf nach der gestern veröffentlichten Entscheidung des Karlsruher Gerichts ab sofort nicht mehr angewendet werden. Die Entscheidung des Ersten Senats erging mit fünf gegen drei Stimmen.(AZ: 1 BvR 1087/91) "Dieses Urteil wird bei vielen Eltern, Schülern und Lehrern auf Unverständnis stoßen", bringt der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband die Stimmung auf den Punkt. Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) und der CSU-Vorsitzende Theo Waigel bedauerten die Karlsruher Entscheidung. Stoiber sagte im Bayerischen Rundfunk, das Land werde das Urteil akzeptieren. Es sollten jedoch mögliche Spielräume geprüft werden, in Absprache mit den Eltern Kruzifixe in den Klassenräumen zu belassen.Waigel nannte das Votum "erschütternd und befremdend". Er erklärte, die Entscheidung widerspreche dem Grundgesetz, das Kirchen unter den besonderen Schutz des Staates stelle. Ein Sprecher des bayerischen Kultusministerium sagte, erst wenn sich herausstelle, daß juristische Schritte gegen das Urteil aussichtslos seien, werde man die Kruzifixe abhängen lassen und die bayerische Volksschulordnung ändern. Mit dem Karlsruher Kruzifix-Urteil geht für den Kläger Ernst Seler aus dem oberpfälzischen Fischbach (Landkreis Schwandorf) ein zehnjähriger Feldzug gegen die Gotteskreuze in Klassenzimmern zu Ende. Der 45jährige Vater von drei Kindern hatte nach der Einschulung seiner jüngsten Tochter Elina im September 1985 bereits die erste Beschwerde bei den zuständigen Schulbehörden eingelegt. "Mit großer Erleichterung und Freude" reagierte Seler gestern auf das Urteil der Verfassungsrichter. Unter Berufung auf ihre anthroposophische Weltanschauung wollten Seler und seine Frau nicht, daß ihre Tochter im Klassenzimmer dem "Anblick eines 60 Zentimeter großen, halbnackten, toten Männerkorpus" ausgesetzt sei. Der 45jährige Oberpfälzer hatte erstmals am 12. Juli 1991 beim Verwaltungsgericht in Regensburg eine Klage auf Entfernung der Kruzifixe erhoben und war damit gescheitert. Seitdem seien er und seine Familie immer wieder öffentlichen und persönlichen Angriffen ausgesetzt gewesen. Seler sagte: "Wir haben auch schon Morddrohungen bekommen." Der Künstler, Dichter und Komponist folgt mit seiner Familie der Anthroposophischen Lehre von Rudolf Steiner und will sich daher auch nicht als Atheist bezeichnet wissen. Die Eltern hatten ihre Kinder seinen Worten zufolge anfangs sogar ganz bewußt in den Religionsunterricht geschickt, um sie vor sozialer Ausgrenzung zu bewahren. +++