Bundeswehr-Gelöbnis: Kriegsgedanken an einem Sommerabend

Die Atmosphäre vor dem Reichstagsgebäude war sommerlich-mediterran, die Marschmusik fast heiter, die Stimmung aufgeräumt. Einmal im Jahr, immer am 20. Juli, versammelt die Bundeswehr in Berlin einige hundert Rekruten zum feierlichen Gelöbnis im Geiste der soldatischen Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime. Es ist eine gar nicht martialische Zeremonie, sondern eine republikanische mit Stil und Würde, und Joachim Gauck wusste dem eine nachdenkliche Rede beizufügen.

Er sprach über die Möglichkeit des Misserfolgs militärischer Einsätze, womöglich den in Afghanistan im Hinterkopf. „Es kann sich unter Umständen herausstellen, dass wir uns mit unserer Einschätzung geirrt haben“, sagte der Bundespräsident. „Das ist gerade in militärischen Konflikten bitter.“

Wer in den Krieg zieht, kann verlieren – das freilich sollte eine Lehre der großen Kriege des vergangenen Jahrhunderts sein, die die Deutschen gelernt haben. Nun sind die Motive des Ersten und des Zweiten Weltkriegs nicht vergleichbar mit jenen heutiger Bundeswehreinsätze im Ausland. Die sollen im besten Fall sogar dem Gegenteil dienen, dem Schutz von Freiheit und Menschenrechten, aber doch auch deutschen Interessen. Und so spielt die Erinnerung eine Rolle in dieser Debatte. „Es gibt in Deutschland eine gewisse Scheu, den Einsatz militärischer Gewalt als Mittel der Politik zu unterstützen – zu Recht“, stellte Gauck fest. Das unendliche Leid, das deutsche Soldaten über ihre Nachbarn gebracht haben, „prägt unser Land bis heute und überträgt auch Ihnen eine besondere Verantwortung“, sagte der Präsident den vor ihm angetretenen jungen Soldaten. Sie hätten ein Anrecht darauf zu verstehen, warum sie in Einsätze geschickt würden, ein Anrecht auf offene und öffentliche Debatten. „Wo ist ein militärisches Eingreifen geboten? Was ist der Zweck, was sind die Ziele, welches die geeigneten Mittel?“ Das sind Fragen, die gut beantwortet sein wollen, bevor deutsche Soldaten in den Krieg geschickt werden. Findet Gauck, dass sie bislang nicht ausreichend gestellt und beantwortet worden sind?

An der Notwendigkeit, die Bundeswehr auch zum Kämpfen ins Ausland zu schicken, ließ er keinen Zweifel: „Gerade unsere Geschichte sagt uns doch: Wir dürfen uns nicht aus der Verantwortung stehlen.“ Dass aber Zweifel am Sinn und am Erfolg solcher Einsätze möglich sind, manchmal unausweichlich, und sie am Ende auch zu spät kommen können, das ist die eigentliche Botschaft des Staatsoberhauptes an diesem Sommerabend, der dann doch nicht so heiter war, wie er schien.