Sigrid Nikutta, 42, ist die erste Frau an der Spitze eines öffentlichen Unternehmens, die mitten in der Amtszeit ein Baby bekommt. Im vergangenen Oktober hat sie als Vorstandschefin der BVG angefangen, der Geburtstermin ist im September. Kürzlich machte sie deutlich, dass sie nicht vorhabe, wegen der Geburt ihres vierten Kindes die Fäden abzugeben. Sie habe "ein bisschen was freigeplant", teilte die 42-Jährige auf der Bilanzpressekonferenz lapidar mit. Ansonsten wolle sie das öffentliche Unternehmen mit seinen 12000 Mitarbeitern weiter führen, das sei ja dank modernster Kommunikationsmittel von jedem Ort der Welt möglich.Es klang cool, nach einem perfekt organisierten, Blackberry-durchgetakteten Leben. 10 Uhr morgens Besprechung, 11 Uhr Entbindung, 14 Uhr Vorstandssitzung. Ihr burschikoses Auftreten kann einem vielleicht Angst machen, aber ist Sigrid Nikutta deshalb gleich ein ganz schlechtes Vorbild für Frauen in Führungspositionen, wie die taz ihr vorwirft? Ihr Durcharbeiten setze andere Frauen unter Druck, es ihr gleichzutun, heißt es. Es zeigt, wie unterschiedlich die Erwartungen sind: Männer werden schon als super Papis gefeiert, wenn sie ein Kind halten können, wenn Frauen nach vier Wochen vom Büro träumen, sind sie Rabenmütter.Weil es relativ wenige schwangere Spitzenfrauen gibt, wird jedes Baby, jede Schwangerschaft und der Umgang damit sofort zum Politikum. Längst hat das ungeborene Kind der BVG-Chefin eine Diskussion ausgelöst. Die CDU-Abgeordnete Emine Demirbüken-Wegener bedauert, dass die BVG-Chefin pausenlos arbeiten will. Sie hoffe, Frau Nikutta entdecke ihre mütterlichen Instinkte noch. Ein Kind brauche Zärtlichkeit, da sei die Mutter unersetzlich, findet sie.Die Kritik an der BVG-Chefin macht sich vordergründig daran fest, dass sie nicht den gesetzlichen Mutterschutz einhalten will. Aber eigentlich ging es darum, ob eine gute Chefin auch eine gute Mutter sein kann.Untertauchen geht nichtFür Arbeitnehmerinnen gilt, dass sie sechs Wochen vor der Geburt nur mit einer Ausnahmeregelung arbeiten dürfen, acht Wochen nach der Geburt ist die Ruhezeit Pflicht. Das "Gesetz zum Schutz der erwerbstätigen Mutter" stammt aus dem Jahr 1942 und schützt Frauen bis heute: Chefs sollen ihren weiblichen Angestellten keinen Druck machen können, ohne Pause weiterzuarbeiten.Laut BVG-Rechtsabteilung gelten die Regeln aber nicht für Vorstandschefin Sigrid Nikutta, da sie nicht wie eine Arbeitnehmerin, sondern wie die Geschäftsführerin einer privaten GmbH zu behandeln ist. Selbstständige sind vom Mutterschutzgesetz ausgenommen. Längst verschwimmen auch anderswo die Grenzen zwischen Privatem und Beruflichem. Die schwangere Familienministerin Kristina Schröder (CDU) ist seit Ende Mai im Mutterschutz, aber per E-Mail und Telefon erreichbar. Parlamentarierinnen der Grünen sah man auch drei, vier Wochen nach der Geburt wieder im Abgeordnetenhaus.Die Entscheidung von Sigrid Nikutta, auf den Mutterschutz zu verzichten, sei kein Signal an die weibliche Belegschaft der BVG, sondern eine individuelle Entscheidung, stellt die BVG-Sprecherin Petra Reetz klar. "Sie hat das schon bei ihrem dritten Kind so gemacht, dass sie ohne Pause weitergearbeitet hat, sie fühlt sich einfach besser damit."BVG-Mitarbeiterinnen haben Anspruch auf 18 Wochen Mutterschutz, das sind vier Wochen mehr als gesetzlich vorgeschrieben. In den Leitungsgremien achtet man darauf, dass Sitzungen möglichst familienfreundlich stattfinden, also nicht nach 18 Uhr. Nikuttas männlicher Vorstandskollege, Henrik Falk, hat drei kleine Kinder.Was macht Herr Nikutta?Sigrid Nikutta ist in Masuren geboren und wuchs als Tochter polnischer Spätaussiedler in Bielefeld auf. Sie war klein beim Umzug, aber vielleicht hat ihre Herkunft trotzdem ihre Sicht auf da Geschlechterverhältnis geprägt. Sie wirkt pragmatischer und unideologischer als viele (west-)deutsche Frauen. Lange galten Karriere und Kinder als unvereinbar. Nikutta jammert nicht, sie macht einfach - was zugegebenermaßen leichter geht, wenn man ein Jahresgehalt von rund 400000 Euro als BVG-Chefin hat.Aber sie war schon vorher extrem fleißig: Mit vierzig hat sie neben der Arbeit als Personalmanagerin bei der Deutschen Bahn in Polen noch schnell ihre Promotion im Fach Philosophie geschrieben. Sie sagt unbekümmert Sätze wie "Meine Hobbys sind meine Kinder" - und stellt dabei mal eben die klassischen Rollenmodelle auf den Kopf. Eine Hobbymutter, das hat man ja noch nie gehört!Das Ehepaar Nikutta funktioniert wie eine klassische Hausfrauenehe, nur eben andersrum. Sie geht ins Büro, und versucht, mit den Kindern mindestens eine Mahlzeit am Tag zu verbringen. Um die drei Kinder, die sieben, drei und ein Jahr alt sind, kümmert sich Herr Nikutta, ein Computerexperte. Von ihm wüsste man gerne mehr, weil ihm offenbar das Kunststück gelungen ist, sein Selbstwertgefühl nicht an ein großes Einkommen zu knüpfen, wie es bisher bei Männern üblich ist.Wer will, dass mehr Frauen Führungspositionen übernehmen, der braucht vor allem neue männliche Vorbilder. Der Rollentausch wird zwar kein Mehrheitsmodell werden, aber ein paar Männer mehr wie Herr Nikutta, das wäre schon ganz schön.------------------------------Foto: Sigrid Nikutta bei der Vorstellung der neuen BVG-Kampagne