Am liebsten würde die rot-grüne Zählgemeinschaft die vergangenen fünf Jahre in Charlottenburg-Wilmersdorf als Erfolgsgeschichte verkauft wissen. Tatsächlich erfuhr vor allem die Gegend rund um Zoo und Gedächtniskirche einen enormen Aufschwung. Das Hotel Waldorf Astoria machte Anfang 2013 den Anfang. Es folgten der umgebaute Zoo-Palast, das von Grund auf erneuerte Bikini Berlin, das aus dem Tiefschlaf erweckte Amerika-Haus. Und so soll’s weitergehen: Nächstes Jahr sollen das Hotel-Hochhaus Upper West an der Kantstraße sowie das Geschäftshaus Zoom an der Joachimsthaler Straße eröffnen. Die Hochglanzpolitur eines Quartiers, das sich seit dem Mauerfall ins zweite Glied hinter den Bezirk Mitte gesetzt sah, ist in vollem Gange.

Auch der Umgang mit den vielen Flüchtlingen ist in der City-West besser geglückt als anderswo. Das Bezirksamt darf durchaus für sich verbuchen, dass schon eine Initiative „xy hilft“ bereitsteht, wenn eine Unterkunft aufmacht. Auch bei der Planung des neuen Landesamtes für Flüchtlinge im sozial schwierigen Norden des Bezirks, das noch dieses Jahr die Arbeit beginnen soll, wurden Anwohner früh informiert.

Dagegen stieß Wohnungsbau oft auf Widerstand. Proteste gegen Bebauung an der Seesener Straße in Halensee oder des Innenhofes des Woga-Komplexes an der Cicerostraße zeigen: Die Verdichtung der Innenstadt mag politisch gewollt sein, die bereits dort wohnenden Menschen sind dagegen.

Und dann ist da noch der Kampf um die Kudamm-Bühnen, ein Stück alter Westen, das den Menschen am Herzen liegt. Ein dubioser Investor will das Kudamm-Karree umbauen. Die Empörung darüber schweißt zusammen, auch über Parteigrenzen.

Die Fraktionen in der BVV haben sich über die fünf Jahre ganz gut gehalten, nur die Grünen haben einen Sitz verloren. Seit Mai 2015 sitzt Nadia Rouhani als Fraktionslose im Parlament. Die Grünen hatten sie wegen ihrer starren Haltung gegen die Abbaggerung einer Hälfte der Kleingartenkolonie Oeynhausen in Schmargendorf zugunsten des Baus von 700 Wohnungen rausgeworfen. Als Quasi-Koalitionär hatte die Partei den Kompromiss mitgetragen.

Der Streit um Oeynhausen hat die Legislaturperiode ebenso geprägt wie der Neubauboom in der City. Der maximale politische Schaden war erreicht, als ein Bürgerbegehren für den kompletten Erhalt der Kolonie mehr als 80 000 Unterschriften einfuhr – und doch gerodet wurde. Aus dem Potenzial will die Liste Aktive Bürger schöpfen, bestehend aus Kleingärtnern und Bürgerinitiativ’lern.

Während sich die CDU an die Seite der Gärtner stellte, traf der Streit um Oeynhausen SPD und Grüne empfindlich. Da die Aktiven Bürger zudem bei den Piraten wilderten, steht der Wiedereinzug der Piraten sehr in Frage. Als sicher darf das Comeback der FDP gelten. Mit einer traditionell Geschäftsleute- und Autofahrer-freundlichen Politik und ein paar neuen Gesichtern an der Spitze soll in der alten Hochburg die Schmach von 2011 getilgt werden.

Während SPD und CDU ihre bewährten Vor-Leute Naumann und Engelmann ins Rennen um den Bürgermeister schicken, halten sich die Grünen noch bedeckt. Auf Platz 1 der Liste steht Petra Vandrey, ob Kurzzeit-Stadtrat Oliver Schruoffeneger erneut eine Rolle spielen wird, ist noch offen. An der Zählgemeinschaft mit der SPD aber werden sie wohl festhalten. Über allem schwebt jedoch das Gespenst der AfD. Die Newcomer werden wohl auch im bürgerlichen Westen reüssieren. Doch wie groß ihr Anteil werden mag, ist offen. AfD-Mann Markus Bolsch spricht von „15 bis 20 Prozent“. Mal sehen.

Alle Infos zu den Kandidaten der Parteien zur BVV-Wahl in Charlottenburg-Wilmersdorf finden Sie in unseren Kurzporträts: