Caffè della Pace in Rom: Warten auf den Gerichtsvollzieher

Rom - Federico Fellini und Sofia Loren tranken im Antico Caffè della Pace Espresso. Woody Allen drehte hier eine Szene seines Films „To Rome with Love“. Sogar Papst Johannes Paul II. soll mal dagewesen sein. Das seit 1891 bestehende Café, Treffpunkt für Filmleute, Künstler und Literaten, ist eine Institution in Rom, es fehlt in keinem Reiseführer. Drinnen hat es Kaffeehaus-Atmosphäre, die Einrichtung changiert zwischen Jugendstil und Kitsch. Draußen stehen die Tische unter der efeubewachsenen Fassade des Palazzo Gambirasi vor der Kulisse des marmornen Bramante-Klosters. Es ist ein lauschiger Ort, nur zwei Minuten vom nervigen Souvenirbasar auf der Piazza Navona entfernt. An warmen Abenden drängen sich Roms Schicke und Kreative gemeinsam mit Touristen beim Spritz und Aperitivo. Das Antico Caffè della Pace ist der Inbegriff des römischen Dolce Vita – jedenfalls von dem, was davon übrig geblieben ist.

Doch das könnte bald Vergangenheit sein. Der romantische Palazzo Gambirasi, in dessen Erdgeschoss das Café seine Heimat hat, ist baufällig. Eigentümer ist das direkt gegenüber angesiedelte Päpstliche Institut Santa Maria dell’Anima, eine deutsch-österreichische kirchliche Stiftung. Die Anima, wie Stiftung in Rom genannt wird, hat aber kein Geld für eine schnelle Restaurierung und sucht deshalb nach finanzstarken Investoren.

Einträgliches Geschäft

Der Mietvertrag für das Caffè della Pace ist vor zwei Jahren ausgelaufen und wurde nicht mehr verlängert. Im März erhielten die Betreiber den gerichtlichen Räumungsbefehl, vollstreckt werden kann er jederzeit innerhalb der nächsten sechs Monate. Den Gerüchten zufolge soll ein Hotel in den Palazzo Gambirasi einziehen. Der Streit, der zwischen Café-Betreibern und Päpstlichem Institut entbrannt ist, findet nicht nur in italienischen Medien ein Echo.

Daniela Serafini Ripanti hat an diesem sonnigen April-Vormittag ein Sit-In vor dem Caffè della Pace organisiert. Unermüdlich spricht sie mit Unterstützern und Journalisten. 53 Jahre lang führt ihre Familie jetzt schon das Café, berichtet sie stolz. „Wir haben es zu dem gemacht, was es ist“. Die Signora ist eine eindrückliche Erscheinung. Mit ihren zum Dutt gekämmten schwarzen Haaren, dem dicken schwarzen Lidstrich, der ausladenden Figur im dunkelblauen Samtkostüm und der Perlenkette könnte sie in jedem Film die Rolle der resoluten und kämpferischen italienischen Mamma übernehmen. 64 Jahre ist sie alt, das Viertel Parione mit seinen verwinkelten Gässchen rund um die Via della Pace ist ihre Heimat. Hier ist sie aufgewachsen, vor 35 Jahren hat sie in die Familie des Caffè della Pace eingeheiratet, inzwischen ist sie die Chefin.

„Wenn sie wenigstens mit uns reden würden“, klagt sie. Aber nein, seit der Mietvertrag ausgelaufen sei, habe niemand von der Anima auch nur ein Wort mit ihr gesprochen, trotz vieler Briefe und Anwaltsschreiben. „Nicht einmal den Telefonhörer nehmen sie ab, man ignoriert uns völlig.“ Dabei hätten sie immer pünktlich Miete gezahlt. „Stellen Sie sich vor: Ich habe in der Kirche Santa Maria dell’Anima geheiratet und meine drei Kinder dort taufen lassen“, sagt die Signora. „Und jetzt werde ich so behandelt!“

Seit kurzem verdeckt ein hässliches Baugerüst die Fassade über dem Café. Begonnen hat die Restaurierung aber noch nicht. „Ich habe ja Verständnis dafür, dass renoviert werden muss“, sagt die Café-Inhaberin. „Ich würde auch mehr Miete zahlen.“ Das habe sie dem Rektor des Päpstlichen Instituts schriftlich angeboten.

Monatlich 7000 Euro werden bislang fällig. Im Zentrum Roms ist das nicht übermäßig viel. Und das Caffè della Pace muss ein einträgliches Geschäft sein, auch wenn die Signora darüber nicht redet. Rund um Sehenswürdigkeiten wie Piazza Navona, Campo de Fiori oder Kolosseum sind die Preise gehoben. Auch im Caffè della Pace kostet ein Cappuccino 4,50 Euro. Abseits der Touristenmeilen zahlt man höchstens die Hälfte.

So ein Geschäft gibt man ungern auf. Also macht Signora Serafini mobil. Sie sammelt Unterschriften – 12.000 sind es schon – und organisiert Solidaritätskundgebungen. „Ich will die Sicherheit, dass wir das Café nach der Renovierung wieder übernehmen können“, sagt sie. Die römische Presse hat sie auf ihrer Seite, ebenso Vertreter der Stadtverwaltung und vor allem die Associazione Botteghe Storiche, einen Verein, der für die Erhaltung der historischen Geschäfte, Werkstätten und Gaststätten Roms kämpft. Das Antico Caffè della Pace ist offiziell als eine davon anerkannt.

Die andere Partei, personifiziert vom Rektor des Päpstlichen Instituts, Franz Xaver Brandmayr, hat sich dagegen hinter die dunklen Mauern der Anima zurückgezogen. Seit Wochen verweigert Brandmayr Auskünfte und Interviews. Nur im deutschsprachigen Gemeindebrief hat er sich kürzlich Luft gemacht. „Ungeheure Lügen werden verbreitet, kriminelle Manöver gegen die Anima unternommen“, schreibt der Rektor, ohne das näher auszuführen. Sein Institut habe nicht die Mittel, um eine Gesamtrestaurierung des Palazzo in kurzer Zeit zu bewältigen. Die Alternative wäre, zwanzig Jahre Dauer-Baustelle in Kauf zu nehmen. Das Café würde dabei verkommen, schreibt Brandmayr. Er sei aber keinesfalls daran interessiert, das Caffè della Pace verschwinden zu lassen. An einer Lösung werde gearbeitet.

Doch die Räumungsklage hat Brandmayr nicht zurückgezogen. Offenbar möchte er das Caffè della Pace erhalten, nur nicht in der Regie von Signora Serafini. Aber das kann nicht funktionieren. Das Caffè della Pace würde sich unter einem neuen Betreiber nicht mehr so nennen dürfen. Auch die Jugendstil-Einrichtung würde verschwinden. „Das gehört alles mir“, sagt Daniela Serafini. „Auch die Marke ,Caffè della Pace‘ gehört mir.“ Wenn sie gehen müsse, werde sie alles mitnehmen.

Giulio Anticoli vom Verein zur Erhaltung historischer Geschäfte hat zur Rettung des Cafés einen Appell an Stadtverwaltung, Bürger und sogar an Staatspräsident Giorgio Napolitano gerichtet. Man dürfe nicht zulassen, dass Rom einen weiteren wertvollen kulturellen Ort verliere. Denn das Zentrum, wo Handwerker und kleine Spezialgeschäfte viel länger als in anderen europäischen Metropolen überlebt haben, verändert sich rasant. Alteingesessene Restauratoren, Hutmacher, Schneider, Schreiner, Korbflechter schließen, in ihre Geschäfte ziehen Souvenirläden, Fast-Food- und Mode-Ketten, Hotels. In manchen Straßen gibt es schon nichts anderes mehr zu kaufen als Andenken, Eis und Billigpizza.

Im Weichzeichner

„Rom gehört nicht mehr den Römern, das alles hat nichts mit unserer Tradition zu tun“, klagt Giulio Anticoli. Schuld seien nicht nur der Massentourismus, sondern auch die Wirtschaftskrise, steigende Mieten, Generationswechsel und fehlender Nachwuchs in Handwerksberufen. „1991 hatte Rom noch fünftausend Traditions-Geschäfte. Heute sind es weniger als zweitausend.“

Aber ist das Caffè della Pace noch ein wahrhaft römischer Ort? Da gehen die Meinungen auseinander. Es sei schon lange nicht mehr authentisch, sondern eine Touristenattraktion, sagt die Journalistin Raffaella Menchini. Die Römer seien aus dem Viertel Parione geflüchtet und vermieteten ihre Wohnungen als Ferienwohnungen. Woody Allens weichgezeichnetes Film-Rom gebe es gar nicht mehr.

Der Kunstkritiker Lorenzo Taiuti ist anderer Meinung. Im knallblauen Sakko sitzt er in der Sonne vor dem Caffè della Pace und trinkt seinen Morgen-Cappuccino. Taiuti, um die sechzig, ist Stammgast im Café. Sicher, die Mieten seien hoch, aber nach wie vor wohnten viele Künstler in der Gegend, das Caffè della Pace sei immer noch ein Treffpunkt für sie. „Dieser Teil des historischen Zentrums verteidigt sich erfolgreich gegen die Invasion der Touristen“, meint Taiuti. Von den anderen Tischen im Caffè della Pace wehen Gesprächsfetzen in Deutsch, Englisch und Spanisch herüber.