Herzerweichend heult die Pedal Steel Guitar, doch äußerlich deutet nichts auf einen stilechten Country-Abend hin. Weder Musiker noch Besucher in der hoffnungslos überfüllten Passionskirche tragen am Dienstag abend Stetson-Hüte, wildlederne Fransenjacken oder Stiefel aus Schlangenlederimitat. Statt dessen sieht man auffällig viele schwarze Hornbrillen, ein altbewährtes Zeichen studentischer Intellektualität. Lambchop, die bunte Truppe um den Gitarristen, Sänger und Songschreiber Kurt Wagner, zählt schließlich zu den Anführern einer alternativen Country-Rebellion, die das Feld nicht den gelackten und konservativen Stars wie Garth Brooks überlassen wollen.So krächzt Wagner mit stimmlosem Falsett ausgerechnet "I ve Been Lonely For So Long", einen Soul-Song von Prince, und erntet überraschtes Gelächter. Für die erwartet kuschlige Stimmung soll anschließend sein angenehm träger, mitunter zeitlupenhafter Country-Folk sorgen. Wagners Geraune wird begleitet von einem kleinen Orchester mit Bläsern, Cello, Gitarren und Schlagwerkern, das herbstliche Melancholie verbreitet. Auch die anderen Bands des kleinen Festivals treffen diese Stimmung.Von Georgia nach New MexicoCalexico, ein Nebenprojekt ehemaliger Begleitmusiker von Giant Sand, das inzwischen beliebter ist als die Muttergruppe, entführen in die Wüste irgendwo zwischen Kalifornien und Mexiko, imitieren mit scheppernden Gitarren, einem gezupften Kontrabaß und Marimbas geschickt eine Mariachi-Band. Das klingt, als würden sie einen Kultwestern musikalisch untermalen wollen. Joey Burns, früherer Sand-Bassist, hat sich zu einem passablen Sänger und Entertainer gemausert.Vic Chesnutt, der Songschreiber im Rollstuhl, begleitet sich bei "Myrtle", dem klagenden, sehr persönlichen Auftaktsong seines vorletzten Albums, zunächst allein am Klavier. Da ist es so still in der Passionskirche, daß man noch leises Gläserklirren hört. Seine Titel vom neuen Werk "The Salesman And Bernadette", bei denen er von einem Lambchop-Calexico-Orchester begleitet wird, wirken dann harmonischer, geradezu optimistisch. Aber schließlich kann Chesnutt, der als Teenager mit dem Auto verunglückte, nicht in alle Ewigkeit mit seinem Schicksal hadern. Die fehlende Schroffheit seiner neuen Lieder wird durch die witzige Instrumentierung ausgeglichen.Überhaupt ist das Gemeinschaftsgefühl auf der Bühne vielleicht sogar das Schönste an diesem Abend. Hier spielen drei Größen des alternativen Countryrock nicht neben- oder gegeneinander, sondern bilden eine uramerikanische Musikerfamilie, spannen ein Band von Georgia über Tennessee bis nach New Mexico. Als schließlich etwa 15 Mann auf der Bühne stehen, erinnern sie fast an ein beseeltes, hoffnungsfrohes Schulorchester obwohl sie alles andere als amateurhaft spielen, sondern vielmehr ihre Songs klug und ausgefeilt arrangieren.