Carla Hagen übergibt der Akademie der Künste den Nachlaß des Regisseurs Hans Lietzau: Den Stil hat das Stück

Es ist Carla Hagen schwergefallen, sich vom Nachlaß ihres Ende November 1991 in Berlin gestorbenen Mannes Hans Lietzau zu trennen. Aber im Sommer dieses Jahres hat sie diesen Schritt unternommen, um neben den Theaterwissenschaftlern auch der jüngeren Generation Zugang zum Lebenswerk von Hans Lietzau zu schaffen. Die Entscheidung, den Nachlaß der Akademie der Künste zu übergeben, ist getragen von einer selbstlosen Liebe, die heute vielleicht gezwungen ist, sich stillere Orte oder sogar Nischen zu suchen.Hans Lietzau wurde am 2. September 1913 in Berlin geboren und erhielt an den Berliner Staatstheatern unter Gustaf Gründgens seine Schauspielausbildung. In einem Brief vom 7. März 1935 äußert sich Gründgens mit lobenden Worten über den jungen Schauspieler Lietzau: "Es ist keine Frage, daß bei Ihrer Intelligenz und Ihrem anerkennenswerten Arbeitseifer dem deutschen Theater ein sehr verwendbares und nutzbringendes neues Mitglied zuwächst. Heil Hitler!" nur eines von vielen beredten Zeugnissen aus Lietzaus gestern in der Akademie der Künste vorgestelltem Nachlaß.Acht Jahre Schiller TheaterLothar Müthel, Oberspielleiter am Staatlichen Schauspielhaus Berlin, rät Lietzau, die Ochsentour durch die Provinz anzutreten. Er gibt dem Berufsanfänger einen schönen Rat mit auf den Weg: Man habe noch nie eine Begabung ungestraft unterdrücken können, wenn sie über die nötige urwüchsige Widerstandskraft verfüge. Erste Engagements führten Lietzau über Kiel und Leipzig 1939 an das Wiener Burgtheater. Nach dem zweiten Weltkrieg arbeitet Lietzau als Regisseur in Bern, Darmstadt und am Hamburger Thalia-Theater. Im Herbst 1955 inszeniert er zum ersten Mal an den Münchner Kammerspielen unter Schweikart. Von 1965 bis 1969 ist er Oberspielleiter am Bayerischen Staatsschauspiel, bevor er Intendant des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg (1969 1972) wird.Nur kurze Zeit nachdem Peter Stein und sein Schaubühnen-Ensemble in der geteilten Stadt im Theater am Halleschen Ufer eine Bleibe fanden, wird Hans Lietzau Generalintendant an Berlins Staatlichen Schauspielbühnen. Von 1972 bis 1980 leitet er dieses überregional bedeutsame Haus, freilich mit wechselndem Erfolg. Als der Ruf der Schaubühne sich über die regionalen Grenzen auszubreiten beginnt, versucht Hans Lietzau dagegenzuhalten. Carla Hagen erzählt im Gespräch noch einmal von den inneren Kämpfen und der äußerlich angespannten Situation, als Peter Stein und Hans Lietzau gleichzeitig "Der Prinz von Homburg" in Szene setzten. Was niemand erwartet hatte, geriet zur Premieren-Überraschung. Peter Stein verlieh Heinrich von Kleists Drama eine kühle und klassizistische Strenge, während Hans Lietzau der Inszenierung einen modernen Stempel aufdrückte. Den künstlerischen Machtkampf hat Peter Stein Mitte der 70er Jahre für die Schaubühne entschieden. Das Schiller-Theater erhielt bei den auf den Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse sinnenden Studenten schnell den Ruf, Opas Theater zu reproduzieren.Dieter Dorn, Intendant der Münchner Kammerspiele, führte am Schillertheater harte Auseinandersetzungen mit Hans Lietzau und verließ, als sich der Generationskonflikt immer mehr zuspitzte, die renommierte Bühne. Bei Dorn an den Münchner Kammerspielen fand Lietzau nach dem Abgang von Berlin eine künstlerische Heimat. In seiner Trauerrede sah Dieter Dorn Hans Lietzau als einen Weggefährten, dessen Tod als großen persönlichen Verlust: "Meine künstlerische Biographie mit ihm ist ein Weg vom verehrten Vorbild, vom Mentor zum Rivalen, zum künstlerischen Freund, ein Weg, der alles beinhaltet, was auch in einer Familie, zwischen Vater und Sohn vorkommt: Liebe und Haß, Kräche und Versöhnungen, Nähe und Entfernung. Lietzaus Theaterraum war immer und zunächst der der Sprache."Sinnvolle BeziehungCarla Hagen, die vor zwei Wochen ihren 70. Geburtstag feierte, hat Hans Lietzau Anfang der 60er Jahre in Berlin kennengelernt. Lietzau und Kortner holen den Star des Nachkriegsfilms ans Theater. In den nächsten 30 Jahren verschreibt sich Carla Hagen fast zur Gänze dem Theater und schlägt viele Filmangebote aus. An Hand von zwei Abschiedsinszenierungen, in denen sie selbst mitgewirkt hat "Der Zerbrochne Krug" 1980 in Berlin und "Der Blaue Boll" 1990 in München erklärt sie die Arbeitsweise von Hans Lietzau: Der Theatermacher haßte Regieeinfälle und sah die Aufgabe des Regisseurs darin, dem Text zu dienen gemäß seiner Maxime: "Den Stil hat das Stück." Der Nachlaß umfaßt zahlreiche Dokumente zu den von Lietzau inszenierten Stücken von Claudel, Barlach, Bernhard und Genet. Insgesamt sind es 50 000 Blatt und tausende Photos, die Carla Hagen der Akademie zunächst als Leihgabe vermacht hat. Zu einem späteren Zeitpunkt soll der Nachlaß in den Besitz der Akademie übergehen.Die Präsentation des Nachlasses, der bis zum nächsten Sonntag auch für die interessierte Öffentlichkeit zu besichtigen ist, legt auch Zeugnis von der tiefen Freundschaft zwischen Fritz Kortner und Hans Lietzau ab. Kortner bemüht sich am Beginn des Jahres 1968 um eine Fortführung der "sinnvollen Beziehung" und bezeichnet den Regie-Kollegen als seinen "Co-Sisyphus".In seinem letzten Brief an eine befreundete Journalistin berichtet Hans Lietzau von einem sonderbaren Vorfall bei den Proben zu Thomas Bernhards "Vor dem Ruhestand". Als Lietzau am Morgen zu den Proben kommt, ist es im Theater völlig finster. Der Brief bricht mitten im Satz ab. Hans Lietzau hat das Theater verlassen und dieses seltsame Vorkommnis auch seiner Frau erzählt. Kein Beleuchter sei zu finden gewesen, der die Finsternis hätte bannen können. Nachdem sich die Schatten des Todes auf das Theater gelegt hatten, ist Hans Lietzau in der Nacht vom 29. zum 30. November 1991 gestorben. 55 Jahre der Arbeit für das Theater kamen durch diesen unerwarteten Abschied an ihr Ende.