Gibt es einen Weg, um mit der Geschichte der RAF abzuschließen? Carolin Emckes Buch über den linksradikalen Terrorismus vereint ganz unterschiedliche Perspektiven: Es ist der persönliche Leidensbericht einer Opfer-Angehörigen und ein politischer Essay, die Abrechnung einer linken Intellektuellen mit der RAF, vor allem aber ein Versöhnungsangebot und ein Plädoyer dafür, Aufklärung mit Mitteln jenseits des Strafrechts zu betreiben. Wenn ehemalige RAF-Terroristen sich einem öffentlichen "Forum der Aufklärung" stellen, soll ihnen der Staat Amnestie gewähren, so Emckes Forderung. Bis heute sind fünf RAF-Mordanschläge der Jahre 1985-1991 nicht aufgeklärt, die Täter unbekannt - darunter die Mörder von Alfred Herrhausen. Dass der frühere Chef der Deutschen Bank ihr Patenonkel war, enthüllte die Kriegsreporterin Carolin Emcke erst 2007 in ihrem Zeitungsessay "Stumme Gewalt". Der Text lieferte den Kern des nun vorliegenden Buches.Es beginnt mit dem 30. November 1989. Emcke, damals 22 Jahre alt, erinnert sich an den Tag des Attentats, an ihre Ankunft am Tatort in Bad Homburg, den Bekenneranruf der RAF, die Albträume in den Tagen, den Jahren danach. Stilelement ihres Textes sind Fragesätze, über Seiten aneinandergereiht - was Emcke quält, ist auch das Unwissen darüber, was in den Köpfen der Täter vor sich geht. Als Linke nimmt sie deren Befreiungsparolen ernst, umso abstoßender erscheinen ihr die repressive Ideologie, die brutale Selbstgewissheit, der Antisemitismus und das Machotum der RAF. Noch schwerer wiegt für sie der Widerspruch: Dass Terroristen, die doch als politisch gelten wollen, sich der Debatte über ihr Tun entziehen, nichts erklären, es bei stummer Gewalt belassen.Und wenn nun die untergetauchten Täter selbst an ihrem Schweigen leiden? Es ist diese Hoffnung, auf der Emckes Argumentation beruht: Dass die Mörder ihres Patenonkels doch auch nachdenkliche, empfindsame Menschen sind; dass sie gerne sprechen würden, müssten sie nur keinen Staatsanwalt fürchten. Dieser Glaube an das Gute im Terroristen ist ein Grund, weshalb man Emckes Buch mit einigem Befremden liest. Ihrer Vision von der erlösenden Macht des Gesprächs stellt der Historiker Wolfgang Kraushaar, eine skeptische Prognose entgegen: Der bewaffnete Kampf sei zwar beendet, doch für die meisten Ex-RAF-Mitglieder noch immer Teil der persönlichen Identität - reinen Tisch würden sie wohl auch im Falle einer Amnestie nicht machen.Und wie sollte das geforderte Gesprächsforum überhaupt funktionieren? Emckes Vorschlag verbleibt in utopischer Vagheit. Dabei passt ihr Ansatz durchaus zu aktuellen Tendenzen des Strafrechts. Dies ist Emcke allerdings gar nicht bewusst - bei ihr erscheint der deutsche Rechtsstaat als dunkle Macht, befangen in einer "Haltung aus Gewalt und Gegengewalt". Dass es eine zwanzigjährige Begnadigungspraxis gibt, dass die Kinkel-Initiative bereits 1992 auf eine politische Lösung des Terrorismusproblems setzte, dass von 26 RAF-Mitgliedern, die lebenslange Freiheitsstrafen erhielten, heute nur noch zwei inhaftiert sind - all das lässt Emcke unerwähnt. So entsteht der Eindruck, viel stärker als die Mörder der RAF müsse man den Staat zur Aussöhnung bewegen. Damit gerät ihr Appell in eine Schieflage, die ihm viel von seiner politischen Wirkung rauben dürfte.------------------------------Foto: Carolin Emcke: Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF. Fischer, Frankfurt a. M. 2008. 190 S., 16,90 Euro.