Heiko Sakurai ist Enthüllungsjournalist. Sein Geschäft, das er so perfekt beherrscht wie kaum ein anderer deutscher Karikaturist, ist die Demaskierung, das Resultat die nackte Wahrheit. Wer zum ersten Mal eine Zeichnung Sakurais betrachtet, wird für alle seine liebevoll aufs Blatt gebrachten Figuren – von der lächelnden Bundeskanzlerin bis hin zum grimmigen Diktator – unvermeidlich tiefe Sympathie empfinden.

Denn Sakurai entblößt zwar ihre Schwächen, aber er kompromittiert nicht die Demaskierten, nie verweigert er seinem gezeichneten Personal den Anspruch auf Achtung seiner Würde. Der kleine Schritt vom Erhabenen ins Lächerliche vollzieht sich hier auf einem kleinen Blatt Papier, gemacht wird er – unter der Hand Sakurais – von Politikern, Wirtschaftsführern und sonstigen Bewohnern der Sphären kollektiven oder individuellen Wahns.

Die Geschichten, die die Bilder über sie erzählen, sind immer witzig, regelmäßig entlarvend, niemals ätzend. Das Groteske, Bizarre, Skurrile ist die Welt Heiko Sakurais. Weil es die Welt ist, in der wir alle leben, sind seine Bild-Geschichten so erfolgreich. In ihnen vorzukommen, ist nicht immer angenehm, aber im Bewusstsein zu ertragen, dass auch der Spott verdient sein will. Dieses Verdienst billigt Sakurai nur wenigen, tatsächlich Handverlesenen zu. Wer seinem Spott entgeht, der hat wirklich nichts zu lachen.

Angela Merkel hat es ihm angetan. Seit Jahren widmet er sich der Bundeskanzlerin mit einer Hingabe, dass die Kanzlerin sich von ihm verfolgt fühlen müsste, wäre nicht Sakurai jeglicher Verfolgungseifer so offensichtlich fremd wie Merkel die Bereitschaft, einen Gedanken in einen konkreten Satz zu zwingen.

Er zeigt in der Machtpolitikerin die biedere Kleinbürgerin, und jeden Verdacht, bei der Kanzlerin könnte es sich um eine in höhere Sphären entrückte Staats-Lenkerin handeln, zerstreut eine unansehnliche „Groko“-Damentasche, die ihr Sakurai umhängt. Auch in seiner diesjährigen Cartoon-Rückschau auf das Jahr 2014 („Die Abrechnung – Merkels geheime Gesprächsprotokolle“) fällt Merkel die Hauptrolle in Sakurais gezeichneten Miniatur-Dramen zu. Aber wer die 176 Seiten durchblättert, wird schnell bemerken, dass alle relevanten politischen Ereignisse im In- und Ausland, Skandale und Anlässe zu gesellschaftlichen Ereiferungen aller Art in Sakurai ihren genialen Kommentator gefunden haben.

Es war also kein Zufall, sondern Manifestation irdischer Gerechtigkeit, dass Heiko Sakurai, der seit 2005 die Leser und die Mitarbeiter der Berliner Zeitung mit seiner Arbeit erfreut, 2014 zum besten politischen Karikaturisten Deutschlands gewählt wurde.